Aktiv zuhören oder lauschen?

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In meinen Seminaren lade ich die Teilnehmenden gerne zu Dialogen anhand bestimmter Fragen ein. Dabei bitte ich Person A darum, Person B aufmerksam und schweigend zuzuhören. Immer mal wieder führt das zu Irritationen: Die meisten von uns sind es gewohnt, den Erzählfluss des Gegenübers mit Lauten (Hmm, ah ja …) und Gesten (Kopfnicken …) zu begleiten oder hin und wieder Fragen zu stellen. Oft gibt diese „Begleitmusik“ auch der Sprechenden die Sicherheit, dass sie „richtig ist“ mit ihrem Thema oder ihrer Art zu erzählen.
In vielen Kommunikationkursen wird dieses Vorgehen auch unter dem Begriff „Aktives Zuhören“ – seinerzeit eingeführt vom Psychologen Carls Rogers – als unverzichtbares Element guter Gesprächsführung vermittelt. Dem Gesprächspartner wird auf diese Weise zu verstehen gegeben, dass seine Erzählung willkommen ist und dass wir ihr interessiert folgen.

Wozu also schweigend und sogar ohne vordergründige Gesten zuhören? Ich möchte keineswegs das Aktive Zuhören abwerten oder generell infrage stellen. Es ist äußerst hilfreich in angespannten, unübersichtlichen oder emotional aufgeheizten Gesprächssituationen, weil es für Klarheit und Verlangsamung sorgt. Auch kann es dazu beitragen, bleiernes Schweigen oder Wortkargheit aufzubrechen.

Bei jeder denkbaren Gelegenheit eingesetzt, verkommt das Aktive Zuhören m. E. jedoch zu einem gewohnheitsmäßigen Instrumentarium, welches der Intention der authentischen Begegnung im Sinne von Carl Rogers eher zuwider läuft. Es ist immer auch selektiv vor dem Hintergrund der Thesen und Fragenstellungen des Zuhörenden. Aktives Zuhören nimmt die erzählende Person dann an die Hand und gibt die Richtung vor, welche nicht selten aus dem persönlichen Erkenntnisinteresse oder den Lösungsideen des aktiv Zuhörenden resultiert.
Schweigendes Zuhören kommt eher der Qualität des Lauschens nahe, d.h. der Erzählenden wird ein Raum zur Verfügung gestellt, in den sie „hineinsprechen“ und dabei weitestgehend den in ihr selbst aufsteigenden Impulsen folgen kann. Diese Qualität bewirkt, dass das Sprechen im Laufe des Prozesses immer mehr zu einem freien, lauten Denken wird, weil es keine „Leitplanken“, bestehend aus den Reaktionen des Zuhörers gibt.
Bin ich selber in der Rolle des Sprechenden, passiert es, dass ich plötzlich wertvolle Gedanken ausspreche, die ich so noch nie gedacht habe. So inspirierend kann „einfaches“ Lauschen sein – aufmerksames Lauschen im Sinne von Zeugenschaft.

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