Eigensinn willkommen! Der Dialogische Ansatz in der Erwachsenenbildung

Farbiges Muster

Seit ungefähr 10 Jahren gebe ich Seminare zu Themen wie Konfliktlösung, Gewaltfreie Kommunikation oder Zusammenleben mit Kindern. Da kommt es immer mal vor, dass ich von ehemaligen TeilnehmerInnen nach Jahren angesprochen werde, die darüber berichten, welchen Weg sie seit der letzten Begegnung genommen haben und welche Rolle das Stück gemeinsamer Lernweg dabei gespielt hat. Manchmal war es eine besondere Übung, ein Gespräch in der Gruppe oder ein bestimmter Satz, welcher einen besonderen Aha-Effekt oder Impuls auslöste.
Dabei staune ich immer wieder, wie weit solche Erzählungen mitunter von meiner eigenen Erinnerung bzw. Bewertung des zurückliegenden Geschehens abweichen. Manchmal – ich gebe es hiermit zu – kann ich mich noch nicht einmal an das erinnern, was da an bedeutsamen und folgenschweren Aussagen gefallen sein soll… Echt überrascht bin ich auch manchmal, wie Seminarsituationen oder Beratungssitzungen, die ich nach meinem eigenen Bewertungsschema als zäh oder verkorkst erlebt habe, doch zu irgend etwas Wertvollem beitrugen.
Wahrscheinlich haben diese Irritationen auch etwas mit überkommenen Vorstellungen von Bildung, die ich immer noch tief in mir trage, zu tun: Danach plant und lenkt der Lehrende den Lernprozess und entscheidet, welche Inhalte und Impulse den Lernenden beglücken und voranbringen sollen, insofern dieser sich denn beglücken und voranbringen lassen möchte.
Dabei hat offenbar das, was als Lerneffekt oder als Entwicklungsimpuls erlebt wird, auch eine ganze Menge mit dem Lernenden selbst zu tun, mit seinen Erfahrungen, Sehnsüchten und ganz persönlichen Fragen an das Leben, mit seiner Biografie und wo er darin gerade steht, mit seiner Gefühlslage, seiner körperlichen Verfasstheit usw. usf.  Das heißt, ich habe es als Seminarleiter, Berater oder Vortragender also mit einem Gegenüber zu tun, der vor innerer Aktivität, Komplexität und Eigenwilligkeit nur so strotzt – und mein Einfluss darauf, was der- oder diejenige „mitnimmt“, ist viel begrenzter als ich es nach meinem herkömmlichen Bildungsverständnis wahrhaben möchte.

Dieses überkommene Verständnis von Lehren und Lernen, so scheint es mir, ist auf dem Weiterbildungsmarkt immer noch eher die Regel als die Ausnahme. Aber wird es dieser Komplexität und den individuellen Lern-Wegen gerecht? Was wäre
möglich, wenn all diese und andere Faktoren einen größeren Stellenwert bekämen in der Planung und Umsetzung von Seminaren?
TeilnehmerInnen von Veranstaltungen im klassisch-monologischen Sinne stehen oft vor einer Entscheidung: Entweder folgen sie bereitwillig jenem Lernweg, den die Leitung für sie vorgezeichnet hat – dann finden sie die Leitung wahrscheinlich „kompetent“ und honorieren dies durch ihr Kooperieren und ggf. durch eine positive Rückmeldung am Ende. Oder sie entscheiden sich für Widerstand, indem sie z.B. die Kernthesen permanent hinterfragen, die Relevanz der Seminarinhalte für ihre Alltagspraxis verneinen  oder die Kompetenz der Leitung anzweifeln – und eben auf diese Weise für ihr jeweils Eigenes einstehen. Aber auch der Rückzug in Form von Lesen, Wachschlaf oder die Beschäftigung mit dem Smartphone sind Möglichkeiten, all den persönlichen Impulsen Raum zu geben.
Bei vielen KollegInnen (und immer auch wieder bei mir selber :-)) beobachte ich die Strategie, solchen Schwierigkeiten mit Brillieren zu begegnen, z.B. in Form von Präsentieren großer Mengen an Wissen, hieb- und stichfest natürlich, oder durch ausgeklügeltes Aneinanderreihen besonders toller Methoden.

In William Isaacs Buch „Dialog als Kunst gemeinsam zu denken“ begegnete mir folgendes Zitat von Ralph Waldo Emmerson:
„Der Mensch sollte lernen, jenes Lichterglimmen aufzufinden und zu beobachten, das seinen Geist von innen her überstrahlt, statt den Glanz am Firmament von Sängern und Weisen. Doch geht der Mensch über sein Denken ohne Aufmerksamkeit hinweg, weil es sein eigenes ist. In jedem Werk des Genius erkennen wir unsere eigenen zurückgestoßenen Gedanken wieder: sie kommen zurück zu uns mit einer gewissen, entfremdeten Majestät.“

Mir geht es nicht darum, das Vermitteln von Inhalten abzuwerten oder gar darauf zu verzichten, aber ich plädiere dafür anzuerkennen, dass Menschen, die sich in Seminare für Persönlichkeitsentwicklung, in Kommunikationstrainings, Elternkurse usw. begeben, für gewöhnlich bereits viel wissen über das jeweilige Thema – wenn auch oft auf eher intuitive oder rätselhafte Weise. Ich bin überzeugt davon, dass es sich lohnt, all den in der Gruppe vorhandenen Kenntnissen, Gedanken, Ahnungen, Erfahrungen und Lebensweisheiten viel mehr Raum zu geben und die Menschen laut nachdenken zu lassen.
Möglich wird das, indem ich als Seminarleiter immer wieder die Position eines Lernenden einnehme und echtem Dialog eine Chance gebe. Auf diese Weise können wir zusammen nachdenken und Fragen, die uns bewegen gemeinsam erkunden.

Aber, so mag man einwenden, wo bleibt da die Professionalität? Ist es nicht gefährlich, als Lehrender das eigene Nicht-Wissen darzutun und sich Prozessen auszusetzen, deren Ergebnis man weder vorhersehen noch maßgeblich beeinflussen kann?
Für mich bedeutet ein solcher Ansatz nicht zwangsläufig, dass ich auf gute Vorbereitung und die intensive Beschäftigung mit einem Thema im Vorfeld verzichte. Dennoch die Rolle des „Bescheidwissers“ aufzugeben, Fragen zu stellen, zu lauschen und selber etwas zu lernen, stellt für mich keinen Verzicht auf Professionalität dar, sondern JA zu sagen zu etwas, das ja sowieso existiert.
Vielleicht liegt ja eine andere, zeitgemäße Professionalität darin und wartet darauf, geübt und kultiviert zu werden?

Seit meiner Ausbildung zum Dialogbegleiter in den Jahren 2009/2010 blicke ich nun schon auf einige Jahre voller Erfahrungen mit dieser Haltung zurück. Ich möchte die besondere Qualität gemeinsamen Lernens auf keinen Fall mehr missen, auch wenn offene Prozesse für mich zu Beginn immer wieder mit Herzklopfen und Momenten von Ungewissheit verbunden sind. Am Ende findet Lernen und Entwicklung gerade in solchen Momenten statt, in denen Sicherheiten bröckeln und jenseits geplanter pädagogischer Effekte etwas geschieht, das nachhaltig auf die Beteiligten wirkt.
Dialogisches Lernen beginnt dort, wo die Menschen sich gesehen fühlen mit ihrer individuellen Sicht auf die Welt, wo sie sich der Einzigartigkeit dieser ihrer Sicht vielleicht erst bewusst werden und eingeladen sind, ihren Teil zum gemeinsamen Bestand an Wissen und tieferem Verstehen beizutragen. Solche Erfahrungen entstehen z.B. in Gruppengesprächen, in denen die Teilnehmenden sich im aufmerksamen Zuhören üben, anstatt sich gegenseitig das Wort wegzuschnappen oder mit „vorgedachten“ Beiträgen versuchen zu imponieren. Aber auch dialogische Spaziergänge zu zweit anhand spannender Fragen können intensive Erlebnisse sein und neue Sichtweisen oder Ideen hervorbringen.
Derzeit bin ich auf der Suche nach KollegInnen und Kooperationspartnern aus meiner Region, die sich für dialogische Ansätze interessieren und Lust haben, in Kitas, Schulen, sozialen Einrichtungen, Behörden oder Unternehmen entsprechende Vorhaben auf den Weg zu bringen.
Vielleicht geht es darum, in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft eine wahrhaftige und wertschätzende Art menschlichen Miteinanders zu fördern, die so selbstverständlich erscheint und dennoch so selten anzutreffen ist.

Literatur zum Dialogischen Ansatz

• David Bohm: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen
Klett-Cotta, Stuttgart 2008

• Martin Buber: Das dialogische Prinzip
Gütersloher Verlagshaus 2006

• Martina & Johannes Hartkemeyer: Miteinander Denken. Das Geheimnis des Dialogs
Klett-Cotta, Stuttgart 2001

• William Isaacs: Dialog als Kunst gemeinsam zu denken
EHP, Bergisch-Gladbach 2011

• Johannes Schopp:Eltern Stärken. Die Dialogische Haltung in Seminar und Beratung
Budrich, Opladen, Berlin & Toronto 2013

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