Mit der „pädagogischen Unschärfe“ auf Schatzsuche

Als Teilnehmer eines Kurses für angehende Dialogprozessbegleiter war ich zu einer Übung der besonderen Art eingeladen:
Die Aufgabe bestand darin, in einer Kleingruppe Fotos von Kindern zu betrachten. (Wir wurden im Vorfeld des Seminars gebeten, Fotos unserer Kinder, bzw. uns nahestehender Kinder mitzubringen.)
Nacheinander sollten zu jedem Bild Gedanken zu drei Fragen aufgeschrieben werden:

  • Was sehe ich in diesem Kind?
  • Was fällt mir dazu ein?
  • Was bewundere ich an diesem Kind?

Anschließend waren wir aufgefordert, unsere Gedanken der Person, die das jeweilige Bild zur Verfügung gestellt hat, mitzuteilen.

Was war ich verunsichert und aufgeregt! Was, wenn mir zu einem Foto schlichtweg gar nichts einfällt? Was, wenn ich mit meiner Intuition komplett daneben liege?? Und was um Himmelswillen sollte ich mit diesem unscharfen Foto da anfangen???

Da sich die Anderen ohne Not und voller Eifer an die Arbeit machten, sagte ich nichts von all dem, was mir da durch den Kopf schwirrte und versucht erstmal innerlich runterzukommen. Mir wurde klar, dass ich gerade dabei war, mir selbst eine Falle zu stellen und tat gut daran, erst mal nur zu beobachten und offen zu sein für das, was das Beobachtete in mir auslösen würde.

Entgegen aller anfänglichen Verunsicherung meisterte ich diese Übung dann doch mit wachsender Freude und Leichtigkeit – und erhielt selber auch berührende und absolut treffende Rückmeldungen zu dem von mir mitgebrachten Foto. Ich war fasziniert vom Zusammenspiel der in mir ablaufenden Prozesse: dem aufmerksamen Betrachten, dem parallel dazu stattfindenden „Fischen“ nach aufsteigenden Anmutungen und der Suche nach Worten dafür.
Zwischendrin begann ich damit, die Anderen aus meiner Gruppe dabei zu beobachten, wie sie die Fotos anschauten: Manchmal den Kopf etwas schräg haltend, die Augen nicht fokussiert, die eine oder andere  verspielte Bewegung ausführend, ein feines Lächeln hin und wieder …
So, dachte ich bei mir, sehen Menschen aus, wenn sie Tagträumen nachgehen – ja, sie träumen die Besonderheiten, Gaben und Möglichkeiten des Kindes auf dem Foto, weil andere Anhaltspunkte und Informationen nun mal nicht zur Verfügung stehen!

Im anschließenden Dialog wurde mir klar, dass diese Fähigkeit des intuitiven, „tagträumenden“ Vorwegnehmens der Möglichkeiten eines Menschen wahrscheinlich etwas sehr Elementares (nicht nur) in der pädagogischen Arbeit darstellt: Im Gegensatz zum allgemein verbreiteten analytischen Blick und der daraus resultierenden Art vermeintlich gesicherten Wissens eröffnet dieser Blick noch einmal einen ganz neuen Raum – einen Raum für Begegnungen mit Überraschungsfaktor, an denen alle Beteiligten wachsen können.

Irgendwann fing ich an, in meinen Beratungen, Coachings und Gruppendialogen mit diesem „unscharfen“ Blick bewusst zu experimentieren, den damit verbundenen Anmutungen in mir Raum zu geben und sie  in Worte zu fassen.
Was soll ich sagen – ich gehe immer öfter beschenkt und inspiriert nach Hause und werde Zeuge erstaunlicher Entwicklungen, von denen ich nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, auf welche Weise sie nungenau angestoßen wurden – Entwicklungen, die sich planmäßigem Vorgehen entziehen und dennoch höchst wirksam sind.

Mag sein, dass das für die analytisch Orientierten unter Euch gerade etwas zu starker Tobak ist; mag sein, dass der Wert systemischer Vorgehensweisen in diesem Artikel zu kurz kommt. Vielleicht geht es ja darum anzuerkennen, dass wir in hohem Maße aufeinander bezogene Wesen sind – und zwar auf vielen Ebenen, von denen unser praktisches Alltagsbewusstsein nur einen Teil erfasst und nutzt. Aber Menschen mögen es nun mal, auf möglichst vielen Ebenen wahrgenommen und angesprochen zu werden und finden dann vielleicht auch immer mehr Gründe, Veränderung zu wagen.

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