Selbstempathie: Eigene Gefühle und Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen

Klangschalen

TeilnehmerInnen von Seminaren zur Gewaltfreien Kommunikation setzen sich anfangs gerne unter Stress mit dem Anspruch, Konfliktsituationen fortan unter Einsatz von 4-Schritte-Selbstmitteilungen und smarter Empathie souverän zu bewältigen.
Funktioniert das nicht, sehen sie die Gründe dafür mitunter in der „Ignoranz“ des Gegenübers oder aber in der GFK als solcher, weil sie eben doch nicht „alltagstauglich“ ist oder scheinbar irre viel Training und teure Aufbaukurse erfordert, bevor sie ihre Wirkung entfaltet.
Am Anfang tappte ich auch in diese Falle, und wurde innerlich ganz wütend, wenn meine Gesprächspartner auf meine lehrbuchreif formulierte Botschaften nicht die Reaktion zeigten, die ich mir erhoffte. Wenn ich dann – nach wie vor mit der Wut im Bauch – auch noch versuchte, empathische Fragen zu stellen, war es natürlich ganz aus und ich fand mich nach ziemlich bizarren Wortwechseln jedes Mal in der vertrauten Schmoll-Ecke wieder…

Nach kurzer Zeit kapierte ich, dass es sehr viel kleinere Schritte braucht und dass es sich lohnt, erstmal ganz stille Übungen zu praktizieren – z.B. „Nachsicht mit sich selber“: Immer wieder war in einem Seminar die Rede davon und es hörte sich für mich damals fremd und verheißungsvoll zugleich an.
Ich war im Großen und Ganzen alles andere als nachsichtig mit mir, weil ich irgendwann einmal die Annahme verinnerlicht hatte, dass ich in diesem Leben scheinbar nur bestehen kann, wenn ich mich permanent und unnachgiebig antreibe. Mir selber bewusst etwas durchgehen zu lassen oder jenseits von geschäftigem Tun einfach nur zu SEIN, war in etwa gleichbedeutend mit jeglichem Verlust von Anerkennung oder Daseinsberechtigung.

Eine Übung half mir damals dabei, in  Situationen, wo ich dazu neige, mich in quälenden inneren Dialogen selber zu verurteilen, empathische Qualität zu erleben. Ich gebe sie gerne weiter:

Meistens bestehen die Anlässe für Selbstverurteilung in Handlungen (oder Unterlassungen), die ich als „Fehler“ etikettiere. Z.B. komme ich zu spät zu einem Termin, der mir besonders wichtig und notwendig erscheint. Rational betrachtet gab es wirklich keinen ernstzunehmenden Grund dafür, doch noch fünf Minuten länger beim Frühstück zu sitzen oder auf dem Weg zum Termin meine Schritte zu verlangsamen, um eine vermeintlich wichtige Einstellung am Handy vorzunehmen.

Am Ende bin ich gezwungen, die letzte Strecke im Laufschritt zurückzulegen, um dann leidlich knapp, außer Atem und innerlich schlecht aufgestellt irgendwie noch das Beste aus der Situation zu machen …
Was ist zu tun, um an dieser Stelle nicht von Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen überrollt zu werden?

Zunächst entscheide ich mich dafür, all die verurteilenden Gedanken und Vorwürfe nicht etwas auszublenden (was eh kaum möglich ist), sondern ihnen zu lauschen –  etwa wie ein Fernsehzuschauer, der gerade eine hitzige Talkshow-Debatte verfolgt. Es geht vor allem darum, diesen Gedanken Raum zu geben, sie aber nicht automatisch als „wahr“ anzuerkennen.

Im nächsten Schritt frage ich mich, welches Bedürfnisse aufgrund des „Fehlers“ auf der Strecke geblieben sind: Da ist zum Beispiel das Bedürfnis beizutragen zu einer guten Zusammenarbeit unter Partnern – und diese Zusammenarbeit auch wert zu schätzen, indem ich mich an vereinbarte Zeiten halte. Schließlich geht es auch um elementare Dinge wie beruflicher Erfolg und materielle Sicherheit. Aber auch das Bedürfnis nach Lebensqualität, die sich einstellt, wenn ich meinen Tag geordnet und entspannt beginne, spielt eine Rolle.
Wenn all diese Bedürfnisse Raum und Einfühlung bekommen haben, richte ich im nächsten Schritt meine Aufmerksamkeit auf jene Bedürfnisse, welche hinter dem „Fehler“, d. h. zum Beispiel hinter der unbewussten Verlängerung des Frühstücks stehen: Zunächst fällt das nicht so leicht, weil es sich ja um „Störungen“ handelt, die nach Maßgabe meines bewertenden Denkens „einfach nicht passieren sollten“. Wenn ich die Aufmerksamkeit aber wirklich einmal nach innen richte, bemerke ich Erschöpfung, die mir, ich wenn ich ehrlich bin, schon seit Tagen zusetzt. Hinter Erschöpfung steht in diesem Fall sowohl ein Bedürfnis nach Erholung, als auch eines nach Selbstbestimmung – frei verfügen können über meine Zeit, Dinge aus dem Moment heraus tun, Leichtigkeit des Seins …
Das Prinzip erinnert mich an Streitschlichtung mit Kindern: Damit sie aufhören sich laut schreiend Vorwürfe zu machen, schenkt man ihnen, hübsch nacheinander, empathische Aufmerksamkeit, lässt sie reden, fragt nach, versucht zu verstehen – so lange, bis sie runterfahren und entspannen. Genauso geht es mir dann, wenn ich diese Übung praktiziere: Alle in Not geratenen Bedürfnisse werden gehört und die damit verbunden Gefühle können wieder fließen, anstatt zwischen den Fronten des inneren Konfliktes erstart zu lauern.
Hier könnt ihr das Arbeitsblatt zu dieser Übung als PDF downloaden.

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