Shelley Sacks/Hildegard Kurt: „Die rote Blume. Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels“

 Die rote BlumeWir leben in einer Zeit des Übergangs, in der eine wachsende globale Bewegung damit begonnen hat, verschiedenste gesellschaftliche Bereiche im Sinne einer humanistischen und nachhaltigen Zukunftsvision eigenverantwortlich umzugestalten, anstatt nur darauf zu warten, dass die BerufspolitikerInnen, deren Mehrzahl immer noch einer  kurzfristig gedachten und zerstörerischen Wachstumsökonomie anhängt, endlich dafür die Weichen stellen.

Die Autorinnen machen im Vorwort deutlich, dass diese Bewegung nur erfolgreich sein kann, wenn die äußere Transformationsarbeit Hand in Hand mit einer inneren stattfindet: Aktivismus, der nicht in lebendiger Verbindung mit persönlichen Gefühlen, Bedürfnissen, Werten, Potenzialen usw. steht, trägt den Keim jener Entfremdung in sich, welche auch den kapitalistisch geprägten Arbeits- und Lebensformen innewohnt. Als Beispiel führen sie u. a. eine Konferenz zum Thema „Solarenergie“ an. Diese entwickelte sich – trotz der ursprünglichen gemeinsamen Begeisterung – für Beteiligten zur Tortur, weil die einen an gewissen (Tagungs)Spielregeln klebten und die anderen schweigend und passiv erduldeten. Wer kennt sie nicht, solche Situationen, die sich lähmend über einen ganzen Saal voller Menschen legen können?

„Aus der kollektiven, nach innen und außen solide etablierten Verleugnung unserer Wirklichkeit als umfassend lebendige, in Entwicklungskraft wurzelnde Wesen entschwindet ungehindert, wie aus einem riesigen Leck kostbare, Zukunft schaffende Energie.“

Als Schlüssel zur Überwindung solcher entfremdenden Mechanismen dient ein besonderes Verständnis von ästhetischer Praxis. Shelley Sacks war Schülerin bei Joseph Beuys („Jeder Mensch ist ein Künstler!“) und hat dessen Konzept der Sozialen Plastik im innerhalb ihres Engagements für soziale und politische Initiativen weiterentwickelt. Dementsprechend verwendet sie den Begriff „ästhethisch“ nicht im Sinne von „geschmackvoll“ oder „künstlerisch“, sondern nach seiner griechischen Bedeutungswurzel als „wahrnehmend“  – als das Gegenteil von „Anästhesie“ bzw. „Betäubung“.

Zunächst geht es im Kapitel „Durch tote Zonen – und darüber hinaus“ darum, die Alltagsrealität – auch mit ihren schmerzhaften, mitunter als Horror daherkommenden Anteilen – aufmerksam und ohne abschließende Wertung wahrzunehmen. Erst wenn das gelingt, entsteht Raum für kreative Ideen. Daran anknüpfend wird im weiteren Verlauf des Buches die ästhetische Praxis erkundet und beschrieben – teilweise so konkret, dass sie sich in der eigenen (erwachsenenbildnerischen) Praxis reproduzieren lässt.

Das Buch spricht mich sehr an, weil es der Kraft der Imagination einen Stellenwert verleiht, der Lern- und Gestaltungsprozesse in Gruppen äußerst produktiv und nachhaltig werden lassen kann. Nicht von ungefähr sprechen die Autorinnen in diesem Zusammenhang von „unsichtbaren Materialien und Werkzeugen“. Ich freue mich darauf, diese faszinierenden Dinge in meiner eigenen Seminar- und Beratungspraxis wirksam werden zu lassen – und ich werde bei Anzeichen kollektiver Anästhesie im Zuge Vorträgen und anderen Veranstaltungen wahrscheinlich immer mal schon etwas eher intervenieren 🙂

Link zum Buch auf thalia.de

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