Viktor Frankl: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“

Trotzdem Ja zum Leben sagen

Dieses Buch hat mich berührt wie kaum ein anderes – und mich sehr neugierig gemacht auf den Autor und sein Lebenswerk. Der Wiener Psychiater Viktor Frankl wird 1942 von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert und 1944 von dort nach Auschwitz gebracht. Später verlegt man ihn nach „Kauffering III“ und Türkheim, zwei Außenlager des KZ Dachau. In „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ beschreibt er die Zeit von der Ankunft in Auschwitz bis zur seiner Befreiung durch die US-Army Ende April 1945 – und nimmt dabei ganz bewusst den Blickwinkel des Wissenschaftlers und Psychiaters ein. Sein Werk, welches er an einer Stelle als  „Bericht des Häftlings Nr. 119 104: Ein psychologischer Versuch“ bezeichnet, geht weit über das Aufzeigen des Grauens und das Geißeln der Schuldigen hinaus: Frankl will – am eigenen Leibe der Hölle des NS-Lagersystems ausgesetzt – nachhaltige Erkenntnisse über die Natur des Menschen gewinnen, welche über diese Hölle hinausweisen.


Das Interesse an Erkenntnissen als selbst gewählte und leidenschaftliche Mission, so wird deutlich, hat seinen Teil dazu beigetragen, dass er als körperlich nicht eben robust gebauter Akademiker diese Zeit überlebte. In einem Vortrag von 1991 beschreibt Frankl, wie er in einer besonders heiklen  und demütigenden Situation während des Häftlingseinsatzes im Straßenbau plötzlich die Vision hatte, vor einem großen Auditorium in einem schönen, hell erleuchteten Saal zu stehen und genau über diese Situation, wie er sie jetzt Moment gerade erlebt, zu sprechen.
Dieser Kunstgriff, einer offensichtlich höchst belastenden Situation auf diese Weise einen Sinn abzugewinnen, verweist schon auf Aspekte der später von Frankl entwickelten Logotherapie.
Frankl beschreibt in seinem Buch die Abgründe menschlichen Daseins, richtet den Blick jedoch immer wieder beharrlich auf die Momente des Aufscheinens von Menschlichkeit – sogar innerhalb der Lagerwache. Er betont die Möglichkeit der Wahl und die Kraft kleinster Gesten und Handlungen, selbst in Phasen völligen Kontrollverlustes und sinnlosen Leidens.

Am Schluss sei noch ein Zitat eingefügt, um einen kleinen Eindruck von diesem Werk zu vermitteln. Es befindet sich im Kapitel „Wenn nichts mehr bleibt“, in dem es auch um die Liebe Frankls zu seiner Frau Tilly geht.

„Ich erfasse, dass der Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann – und sei es auch nur für Augenblicke -, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen. In der denkbar tristesten äußeren Situation, in eine Lage hineingestellt, in der er sich nicht verwirklichen kann durch sein Leisten, in einer Situation, in der seine einzige Leistung in einem rechten Leiden – in einem aufrechten Leiden bestehen kann, in solcher Situation vermag der Mensch, im liebenden Schauen, in der Kontemplation des geistigen Bildes, das er vom geliebten Menschen in sich trägt, sich zu erfüllen. Das erstemal in meinem Leben bin ich imstande zu begreifen, was gemeint ist, wenn gesagt wird: die Engel sind selig im endlos liebenden Schauen einer unendlichen Herrlichkeit …“

Viktor E. Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. (Kösel Verlag 2015)

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