Wann spreche ich?

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Im Herbst 2009 begann ich meine Ausbildung zum Dialogbegleiter in einem Bildungshaus auf der Insel Sylt. Bei der Anreise stellte ich fest, dass es sich um eine recht große Seminargruppe von über 20 Personen handelte, und verspürte erst einmal Unbehagen. Ich erinnerte mich an Gruppensituationen, in denen mir der Kopf wehtat, weil ich über lange Zeit einer Fülle von Redebeiträgen ausgesetzt war, die wenig Bedeutsames enthielten und manchmal auch in anstrengende Diskussionen oder gar Konflikte mündeten. Ich selber neige dann zu schweigender Zurückhaltung, einhergehend mit Gefühlen wie Anspannung, Ratlosigkeit und Aggression.

Tatsächlich gab es dann auch immer wieder Situationen, in denen genau dies einzutreten drohte, und in mir kam eine Frage auf, die mich in den folgenden Tagen begleiten sollte: Wie kann es gelingen, in einer Gruppe zu einer Balance des Sprechens und Hörens zu finden, in der jeder und jede den Raum bekommt, den er oder sie braucht, um beizutragen und sich aufgehoben zu fühlen? Worauf kann ich selber dabei achten? Wann spreche ich?

Der Zweck der Dialogregeln, der Instrumente Redestein und Klangschale sowie der hin wieder ausgesprochenen Bitte, Annahmen in der Schwebe halten, war mir rational einigermaßen klar, machte mich aber noch nicht zuversichtlich. Inspiriert durch Erörterungen zum Wesen des Dialogs begann ich während der Gruppengespräche bewusster auf meine eigenen Impulse zu achten, mein eigenes Denken, Urteilen und Fühlen in diesen Runden zu beobachten: Da gab es Impulse von „etwas dagegen setzen“, „etwas untermauern“, „etwas kritisch hinterfragen“. Da gab es Annahmen wie „Es ist wichtig, dass auch ich etwas dazu sage.“; „Jetzt ist es besser, sich zurückzuhalten, sonst beanspruche ich zu viel Redezeit.“ oder „M. hat wohl immer noch nicht verstanden, worum es hier eigentlich geht.“ Ich merkte, dass diese Impulse mit großer „Lautstärke“ in mir tönen und dabei etwas anderes übertönen, so als wenn während eines Kammerkonzertes hektisches Rumoren stattfindet.

Der freie Fluss der Gedanken und die Inspiration gehen verloren, wenn allerlei Ängste, Eitelkeiten, Bewertungen und vermeintliche Notwendigkeiten ungebremst in Sprechimpulse umschlagen oder in die Anspannung innerer Konflikte münden. Der „Raum für die Echtheit des Zwischenmenschlichen“ (Martin Buber) kann sich nicht entfalten.

Also übte ich mich darin, nach Redebeiträgen aus der Gruppe einen bewussten Atemzug zu nehmen und innerlich so etwas wie „Oh!“ oder „Aha!“ zu sagen, anstatt den oben erwähnten Impulsen auf den Leim zu gehen. Was sich daraufhin einstellte, ließ mich staunen: Mehr und mehr gelang mir eine Art von Zuhören, in der nüchterne Distanz und echte Anteilnahme keinen Widerspruch mehr mit sich brachten – ja, ich konnte das Zuhören genießen! Ich spürte, dass die Gedanken des Sprechenden zusammen mit meinen eigenen Gedanken und etwas, das noch hinzu tritt, eine Art Fluss ergeben, der Tiefe, Begegnung und Inspiration mit sich bringt. Das „etwas“ kann ich nur schwer fassen und beschreiben – es enthält wohl schon im Kreis ausgesprochene Gedanken, aber vielleicht auch noch auszusprechende oder auf immer unausgesprochene Gedanken.

Immer, wenn diese Qualität des Dialoges in der Gruppe eintritt, stellt sich mir die Frage „Wann spreche ich?“ nicht mehr. Zeitweise befreit von allem bewertenden Denken und dem Kopfkino um mein Erscheinungsbild in der Gruppe ist da so ein Gespür dafür, wann es an mir ist zu sprechen – das heißt beizutragen, wenn gerade ich eben derjenige bin, der beitragen kann.

Beitragsbild: © DDRockstar – Fotolia

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