Dialog unter freiem Himmel – die Stadt als Begegnungsraum

Dialog bietet einen Raum, in dem Begegnung, Vielfalt und gemeinsames Nachdenken zum Tragen kommen. Er lädt dazu ein, sich einzulassen auf Gedanken, die neu sind, zum Kern eines Themas vorzudringen und sich einander in Ehrlichkeit zuzuwenden.
Immer wieder heißt es: Dialog ist schwer zu erklären, er muss sich entfalten, man kann ihn nur erfahren. Dialog nach diesem Verständnis setzt bestimmte Fähigkeiten voraus, wie wirkliches Zuhören, Erkennen und In-der-Schwebe-halten eigener Vorannahmen u.a. Gleichzeitig bildet er die „Übungsmatte“ zum Erlangen und Vertiefen eben dieser Fähigkeiten.

Das Dilemma vom Dialog begeisterter Menschen besteht also darin, für etwas zu werben, das nur durch Erfahrung erfasst werden kann, weil der Zauber sich erst mitten im Tun erschließt. Obendrein lässt sich dialogische Qualität – selbst bei bester Vorbereitung und größtmöglicher Achtsamkeit – nicht verlässlich „machen“.

Wie können wir also im Stadtbild etwas sichtbar machen, das seinem Wesen nach immateriell oder feinstofflich ist – etwas, das eine besondere Qualität der Verständigung zwischen Menschen betrifft? Wie können wir dem Eindruck entgegen wirken, dass hier lediglich ein paar in die Jahre gekommene Hippies quatschend im Kreis auf der Wiese herumhocken? Wie können wir vermitteln, dass da etwas  Spannendes passiert und dass es was zu verpassen gibt, wenn man nicht mit Platz nimmt?

Am Küchentisch anno Corona 2020, fassten wir den Entschluss, Dialog unter freiem Himmel nicht nur als soziales, sondern auch als ästhetisches Projekt zu begreifen und der Frage der „Hardware“ intensive Aufmerksamkeit zu schenken: Zwanzig ultra-leichte Klappstühle eines Outdoorherstellers, Überwürfe (Don´t call it HUSSEN!) aus himmelblauem Markisenstoff, kombiniert jeweils mit einem isolierenden Sitzkissen, an der Rückseite mit einem gestickten Logo versehen. Den sprichwörtlichen Punkt auf das i setzt ein Rundtuch aus eben jenem Stoff für die gestaltete Mitte!

Diese Vision bedeutete für uns konkret: Antragstexte verfassen, virtuelle Kataloge durchforsten, uns mit Lichtechtheit von Stoffen beschäftigen, Logos ent- und verwerfen, an Schnittmustern herumzirkeln, Nähmaschinen heißlaufen lassen, uns zwischen Stickerei und Siebdruck entscheiden, beim Telefonieren mit dem Kundendienst eines Möbelhändlers mühsam um Fassung ringen …
Als wir aber nun an diesem grauen und nasskalten Tag im Januar das Ergebnis all der Mühen für einen Moment still auf uns wirken ließen, hatten wir das Gefühl, dass sich das alles wirklich gelohnt hat. Auch Spaziergänger*innen blieben neugierig stehen und fanden anerkennende Worte.

Wir bedanken uns mit einem bunten Bumenstrauß für die ermutigende monetäre Unterstützung zur Anschaffung des Materials beim Hallianz-Engagementfonds und der Halleschen Bürgerstiftung, denen die Förderung von Demokratie und Weltoffenheit in unserer Stadt am Herzen liegt!

Auf dem Wunschzettel für dieses Jahr steht übrigens die Anschaffung (oder Mit-Nutzung) eines Lasten-Dreirades, um das Dialog-Equipment flexibel dort nutzen zu können, wo es gebraucht wird: auf öffentlichen Plätzen, vorm Rathaus, auf Schulhöfen, auf dem Unicampus, auf einem grünen Hügel überm Saaletal, in Kirchgemeinden, bei Vereinen und Wohnungsgesellschaften, im Rahmen von Bürger*innendialogen, auf Straßenfesten, Demos usw. – Dialog auf Rädern sozusagen ?

Weiterführende Links:

Gerlinde Coch
André Gödecke
Dialog unter freiem Himmel
Hallianz für Vielfalt
Bürgerstiftung Halle
Im Dialog e.V.
Videoclip Dialog unter freiem Himmel 2018 in Potsdam


Wie kann ich als Interessierte*r dazustoßen?

Geh auf die Projektseite dialogunterfreiemhimmel.de – hier findest die aktuellen Termine und Informationen – auch mit Blick auf die jeweils geltenden Anti-Corona-Regeln!

Was ist Dialog unter freiem Himmel?

Es handelt sich um Kreisgespräche im öffentlichen Raum zu Themen und Fragen, welche für die Beteiligten von besonderem Interesse sind – z.B. aktuelle gesellschaftspolitische Themen, anstehende städtebauliche Entscheidungen, besseres Kennenlernen von Nachbarn usw.
Dialog unter freiem Himmel knüpft an traditionelle Formen gemeinschaftlicher Verständigung an – z.B. an die antike Agora oder die indigene Tradition des Großen Rates – und legt besonderen Wert auf wertschätzende Gesprächskultur und das Willkommenheißen von Vielfalt. Grundlage ist ein Verständnis von Dialog, welches auf gegenseitigem Respekt, achtsamem Zuhören und ergebnisoffenem gemeinsamen Erkunden beruht: Verschiedene, auch gegensätzliche Positionen werden nicht durch Schlagabtausch „ausdiskutiert“, sondern bekommen erstmal einfach nur Raum, werden gemeinsam betrachtet, beredet. Sie werden wie Puzzleteile eines anfangs noch nicht bekannten Bildes betrachtet – im Laufe des Gespräches gibt es dann Aha-Effekte, werden neue Perspektiven eingenommen, neue Gedanken und Ideen geboren.
Um eine solche Qualität zu erreichen und zu halten, braucht es eine einladende, achtsame Atmosphäre und in der Regel auch Begleitung durch erfahrene dialoginteressierte Menschen. Diese  sorgen mit ihrer Haltung und ggf. auch durch geeignete Interventionen dafür, dass das Gespräch nicht in Polemik, Debatte oder Besserwisserei kippt.
Jeder Kreisdialog beginnt mit einer Begrüßung, ggf. einer Einführung in das zugrunde liegende Dialogverständnis und einer Check-in-Runde, in der alle Teilnehmenden zu Beginn kurz etwas zu sich sagen. Anschließend laden die Dialogbegleiter*innen anhand einer Fragestellung zum Austausch ein. Neben Dialogemfehlungen (Siehe weiter unten) kommen dabei auch Sprechgegenstände zum Einsatz, welche dazu beitragen, dass genug Raum für das, was gesagt werden möchte, entsteht. Ist die Zeit um, laden die Prozessbegleiter*innen alle Teilnehmenden jeweils noch einmal zu einem persönlichen Schlusswort ein.

Warum Dialog unter freiem Himmel?

Herkömmliche Formen der Verständigung wie Debatten, Expert*innengespräche oder Pro- und Contra-Diskussionen führen häufig zu Ergebnissen, welche viele Beteiligte nicht nur unzufrieden zurücklassen, sondern oft auch neue Schwierigkeiten schaffen. In der Folge erleben sich Menschen als getrennt voneinander und wenig wirksam. Es scheint, als könnten die anstehenden Fragen und Probleme nur durch ein „Machtwort“ von Expert*innen oder anderen Autoritäten gelöst werden. Eine der Auswirkungen solcher Erfahrungen ist die zunehmend zu beobachtende Isolierung und der Eindruck eigener Handlungsunfähigkeit – ein Nährboden für Rückzug ins Private, Entsolidarisierung und politisches Desinteresse.

Dialog unter freiem Himmel setzt diesem Trend etwas entgegen: Die dort praktizierte dialogische Verständigung bietet den Teilnehmenden Gelegenheit, eigene Erfahrungen mit achtsamer, wertschätzender und demokratiefähiger Kommunikation zu machen und diese als Haltung in ihr Denken, Sprechen und Handeln zu integrieren. In der Weise, wie Menschen im Gespräch Wertschätzung und Annahme als Person erfahren, werden sie auch nach und nach dazu fähig, mit anderen in gleicher Weise umzugehen.

Offene Dialoge beinhalten darüber hinaus die Chance, dass sich ein neues Denken entwickeln kann, welches die Grundlage für eine offene und vielfältige Gesellschaft bildet, in der Menschen über die Grenzen von Generationen, Kulturen und politischen Zugehörigkeiten hinaus durch den Austausch voneinander lernen. Auf diese Weise können sie einen Beitrag zur dringend notwendigen Stabilisierung demokratischer Gesellschaftsstrukturen leisten.

Dialog unter freiem Himmel versteht sich als ein Ort der Verständigung und des gemeinsamen Lernens auf der Basis von gegenseitigem Respekt, Weltoffenheit und Vielfalt. Wir dulden keine Verbreitung von rechtem Gedankengut, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und anderen Arten von Diskriminierung und menschenverachtenden Weltanschauungen.

Dialog-Empfehlungen

Folgende Empfehlungen* helfen uns, eine achtsame Gesprächsatmosphäre zu schaffen:

  • Jede/Jeder genießt den gleichen Respekt.
  • Ich mache mir bewusst, dass meine „Wirklichkeit“, nur ein Teil des Ganzen ist.
  • Ich genieße das Zuhören.
  • Ich brauche niemanden von meiner Sichtweise zu überzeugen.
  • Ich verzichte darauf, (m)eine Lösung über den Lösungsweg meines Gegenüber zu stellen.
  • Wenn ich von mir rede, benutze ich das Wort „Ich“ und spreche nicht von „man“
  • Bevor ich rede, nehme ich mir einen Atemzug Pause.
  • Ich rede von Herzen und fasse mich kurz.
  • Ich vertraue mich neuen Sichtweisen an.
  • Ich nehme Unterschiedlichkeit als Reichtum wahr.

*Johannes Schopp: „Eltern stärken. Die Dialogische Haltung in Seminar und Beratung“ (Verlag Barbara Budrich, 2019)

Radiofeature: Wie entsteht ein gutes Gespräch? von Birgit Schönberger

0

Können, Sollen oder Müssen? – Einladung zum Dialog am Feuer

Die Fakten zur Klimakrise sind bekannt. Aber was folgt daraus. Können, sollen, wollen oder müssen wir etwas zum Erhalt der Schöpfung für eine enkeltaugliche Welt tun? Welchen Einfluss hat es auf unser Tun, in welchem Modus wir unterwegs sind.

  • Dienstag, den 27. Oktober von 19:00 – 20:30 Uhr
  • Wir treffen uns an einer Feuerschale in der Wegscheiderstraße 12 in Glaucha
    (Not-Telefon: +49 157 31640161 oder +49 151 46450610)
  • Jede_r Interessierte ist herzlich willkommen.

Im Sinne eines gelingenden Dialoges bitten wir um pünktliches Kommen und um Präsenz bis zum Schluss (Ende 20:30 Uhr). Wir empfehlen darüber hinaus, sich mit den hier veröffentlichten Dialogregeln und Hintergrundinformationen vertraut zu machen.

(Text & Bild: Bernd Müller)

Wie geht Wandel? Einladung zum Dialog am Feuer

Immer mehr Menschen wird klar, dass wir weltweit vor tiefgreifenden Veränderungen stehen und dass es kein einfaches „Weiter so“ geben kann, auch wenn weite Teile der Gesellschaft – ausgefüllt mit Existenzsicherung, Selbstoptimierung und Konsum – dies immer noch träumen.

Statt aber nur auf die „große Politik“ zu starren und auf den großen Wurf (oder wahlweise: den großen Kollaps) zu warten:

  • Wie wäre es, schon mal anzufangen und kleine Schritte zu unternehmen, in denen die Melodie größerer Visionen mitschwingt?
  • Welche Vision treibt dich an und welche Entscheidungen hast du für dich getroffen?
  • Welche Entscheidung wartet eventuell darauf, endlich getroffen zu werden?

Weiterlesen

Dialog unter freiem Himmel in Potsdam

Am 25.3.2018 fand auf dem Alten Markt von Potsdam ein Dialog unter freiem Himmel statt. PassantInnen waren eingeladen, zur Frage „Was ist für dich ein würdevolles Leben?“ miteinander in Austausch zu treten.

Wann spreche ich?

Im Herbst 2009 begann ich meine Ausbildung zum Dialogbegleiter in einem Bildungshaus auf der Insel Sylt. Bei der Anreise stellte ich fest, dass es sich um eine recht große Seminargruppe von über 20 Personen handelte, und verspürte erst einmal Unbehagen. Ich erinnerte mich an Gruppensituationen, in denen mir der Kopf wehtat, weil ich über lange Zeit einer Fülle von Redebeiträgen ausgesetzt war, die wenig Bedeutsames enthielten und manchmal auch in anstrengende Diskussionen oder gar Konflikte mündeten. Ich selber neige dann zu schweigender Zurückhaltung, einhergehend mit Gefühlen wie Anspannung, Ratlosigkeit und Aggression. Weiterlesen

Was ist Dialog unter freiem Himmel?

Seit Mai dieses Jahres finden die Dialoge unter freiem Himmel am Peißnitzhaus statt – Gesprächskreise zu verschiedenen Themen, offen für alle Interessierten. Immer wieder wird gefragt, worum es sich dabei konkret handelt – deshalb soll an dieser Stelle noch mal eine Erklärung erfolgen, wohl wissend, dass dies nicht der sprichwörtlichen Weisheit letzter Schluss sein muss.
Anliegen dieser Treffen ist es, gute Gesprächskultur in Gruppe Weiterlesen

Aktiv zuhören oder lauschen?

In meinen Seminaren lade ich die Teilnehmenden gerne zu Dialogen anhand bestimmter Fragen ein. Dabei bitte ich Person A darum, Person B aufmerksam und schweigend zuzuhören. Immer mal wieder führt das zu Irritationen: Die meisten von uns sind es gewohnt, den Erzählfluss des Gegenübers mit Lauten (Hmm, ah ja …) und Gesten (Kopfnicken …) zu begleiten oder hin und wieder Fragen zu stellen. Oft gibt diese „Begleitmusik“ auch der Sprechenden die Sicherheit, dass sie „richtig ist“ mit ihrem Thema oder ihrer Art zu erzählen. Weiterlesen