COACHING? Ja, nee, is klar …

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Zum Jahreswechsel 2020/21 entschied ich mich dafür, eine Coaching-Ausbildung bei Veit Lindau zu anzufangen. Der Weg zu dieser Entscheidung mäanderte zwischen einem zweifellos starken Ruf, den ich aus dieser Richtung verspürte und der Auseinandersetzung mit diversen inneren und äußeren kritischen Stimmen:

„Alter, Coaches gibt es schon wie Sand am Meer – warum sollten die Leute ausgerechnet zu DIR kommen und dann auch noch gutes Geld dafür auf den Tisch legen?“

„Deine geistige Heimat ist doch der Dialog und die damit verbundene Magie aus Verlangsamung, erkundender Haltung und Momenten echter Begegnung. Ist Coaching dagegen nicht etwas oberflächlich und methodenlastig?““

„Willst du dich ernsthaft darauf verlegen, gestressten Leistungsträger*innen dabei zu helfen, ihren täglichen Wahnsinn mit ein paar Häppchen Achtsamkeit und Selbsterkenntnis besser durchzuhalten?“

Stimmt alles … und stimmt wiederum auch nicht: Natürlich fühle ich mich seit etlichen Jahren zuhause in Gesprächsrunden, in denen das Zulassen von Nichtwissen und das Wagnis, sich voll aufeinander einzulassen, dazu führen können, dass Entwicklungssprünge geschehen oder frische Ideen in die Welt kommen. Doch oft genug „plätschert“ der Dialog auch so vor sich hin und gerät zu einer Art Wohlfühl-Oase inmitten einer als rauh und undialogisch wahrgenommenen Welt – und es ist dann nur noch ein kleiner Schritt zu folklorehafter Selbstvergewisserung. Dann spüre ich, dass es noch etwas anderes braucht, um den brennenden Fragen dieser Zeit wirklich gerecht zu werden. Denn aus der Erfahrung der letzten 12 Monate folgt für mich:

  • Nach der Krise ist vor der Krise – Corona ist wohl nur der Anfang.
  • Rückkehr zur „Normalität“? Träum weiter – es wird höchstens anders.
  • Uns läuft die Zeit davon, die Weichen zu stellen für das Überleben und für das gute Leben von uns Menschen

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Die größten Hindernisse für umfassende und nachhaltige Veränderungen sind neben der ungerechten Verteilung von Macht und Reichtum wohl das Festhalten am Altbewährten und die Behäbigkeit, mit der die notwendigen Schritte dann erfolgen, wenn überdeutlich wird, dass Festhalten nicht mehr funktioniert. Beredte Beispiele dafür sind die derzeitige Klima(Symbol)politik der Bundesregierung sowie die ins Stocken geratene Eindämmung der Pandemie und ihrer Auswirkungen (halbherzige Teststrategie, mangelnde digitale Ausstattung der Gesundheitsämter, Sich-selbst-überlassen des Bildungssektors, verschleppte Auszahlung von Hilfen für Freiberufler*innen usw.)

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Um die aktuellen und kommenden Krisen zu bewältigen, ohne dabei auf ausgrenzende, entmündigende und undemokratische „Lösungen“ zu setzen, braucht es in allen gesellschaftlichen Bereichen und Ebenen Menschen, die sowohl über ein agiles, lebenslang lernbereites Mindset verfügen, als auch über Respekt vor allem Lebendigen, Empathie und belastbare Dialogbereitschaft.
Hier kommt für mich das Thema „Coaching“ ins Spiel: Wurden z.B. Fitess-Studios in den 90ern gerne belächelt als eine Art Biotop für Möchtegern-Arnies, so gehören sie heute durchaus zum Alltag vieler Menschen. Denn schließlich braucht der Körper im Zuge der rasanten Zunahme sitzender Tätigkeiten etwas mehr als nur Schlaf und gutes Essen.
Warum sollte nicht auch Coaching mehr Verbreitung und Gewinn an Ansehen erfahren – vor allem angesichts Schlange stehender Krisen und permanent neu herausgeforderter persönlicher Veränderungsbereitschaft? Warum sollten Menschen, die gerade auf dem Weg sind, immer mehr von dem zu lassen, was ihnen schadet und sich mit dem zu verbinden, was sie stärkt, nicht gerne inspirierende Begleitung dafür in Anspruch nehmen? Warum sollen so viele tolle Ideen und Visionen Opfer von „Das geht eh nicht!“ werden, nur weil jemand fehlt, der bereit ist, einen stärkenden Resonanzraum zu schenken und auch mal „Ansage“ zu machen, wenn das Alltagsgedöns überhand zu nehmen droht?

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Was das Argument der Oberflächlichkeit betrifft, bin ich ziemlich zuversichtlich, dass ich durch meine dialogische „Schlagseite“ durchaus immun dagegen bin. In meinem sich gerade bildenden Verständnis von Coaching geht es in erster Linie darum, unabhängig vom Füllstand des Wissens- und Methodenkoffers, mein Gegenüber als einmaliges Wunder zu begreifen und mir immer wieder vor Augen zu führen, dass ich im Grunde NICHTS weiß und somit offen bleibe für Überraschungen und magische Momente!

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Ich freue mich darüber, wenn du bis zu dieser Stelle gelesen hast und lade dich dazu ein, bei der Lektüre der künftigen Newsletter teilzuhaben an Aha-Effekten, welche mir im Zuge der Coaching-Ausbildung begegnen werden. Denn mir hilft es, die Dinge „aufs Papier“ zu bringen, um sie besser zu verinnerlichen – und ganz sicher wirst auch du profitieren, denn schon jetzt kann ich sagen, dass die Ausbildung richtig wertvoll und voll von neuen Erkenntnissen ist! ?

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Zu den im Artikel verwendeten Bildern: Die Fotos dokumentieren die Entstehung von „Corona-Schmetterlingen“ im Rahmen des Druckprojektes „printyFLY the crisis“ der Künstlerin Beate Gödecke. Es veranschaulicht Zusammenhänge zwischen Krisenbewältigung und kreativen Prozessen. Mehr dazu auf https://druckprojekt.beategoedecke.de

Die Geschichten von morgen

Die Frau aus der Nachbarschaft geht gekrümmt und alltagsmaskiert an mir vorüber, in der rechten Hand eine Packung Toilettenpapier, in der linken eine prall gefüllte HUNDE-NETTO-Tüte. Mein stiller Gruß bleibt unerwidert – vielleicht hat sie ihn durch die vom Nieselregen beschlagene Brille einfach nicht wahrgenommen. Oder es ist jetzt so weit: Die Welt geht unter und auch ich sollte mich mit Classic XXL Klopapier, Fleischkonserven und billigem Rotwein eindecken! Was ist, wenn das niemals aufhört mit dem „Social distancing“? Was ist, wenn der orangene Typ am Ende vier weitere Jahre im Weißen Haus verbleibt und – Überraschung! – der Söder im nächsten Jahr Kanzler wird?

Beim ersten Lockdown schien trotz aller Verunsicherung alles noch irgendwie easy: Der Frühling und die ausgefallenen Termine verführten zu ausgiebigen Spaziergängen, sogar ein Hauch von Abenteuer lag angesichts einer „Naturkatastrophe light“ in der Luft – zumindest hierzulande. Jetzt stehen dunkle, nasskalte Wochen bevor, eine Seminarabsage folgt der nächsten und es fängt an wehzutun. „Wir holen das, sobald es geht, nach!“ Ja, wann denn, bitteschön? Soll ich, weil dann ja so viel nachzuholen sein wird, etwa wochenlang 24/7 durcharbeiten? Beherbergungsverbot trifft Ponyhof.

Dann wäre da noch die Sache mit dem Ego: Natürlich ist das etwas angefressen, wenn es glauben soll, dass so profane Dinge wie Abstand halten oder der Verzicht auf reihenweise Umarmungen dazu beitragen sollen, am Ende eine bestimmte Anzahl von Leben zu retten. Was ist das schon gegen den Mut, sagen wir mal, eines Oskar Schindler? Würde Martin Luther King, wenn er noch lebte, die „AHA-Regeln“ einhalten? Was für eine alberne Frage, kleines Ego – ich bin sicher du kennst die Antwort.

Denke ich an mutige Menschen wie Malala Yousafzai, Edward Snowden oder an Recep Gültekin und Mikail Özen – also an Zeitgenoss*innen, die sich trotz Bedrohung und widrigster Umstände nicht den Schneid abkaufen lassen, wird mir eines immer klarer: Ich kann auch an furchbar düsteren November-Shutdown-Tagen morgens aufstehen und selber entscheiden, wie ich in den Tag gehe und worauf ich meine Aufmerksamkeit richte – denn bekanntlich folgt das Handeln der Aufmerksamkeit. Ich kann heute beeinflussen, welche Geschichte ich mir in ein paar Jahren über meinen Weg in Zeiten von Corona erzählen werde, und ich lasse mir von niemandem ausreden, immer wieder auf die Chancen zu schauen und darauf zu vetrauen, dass das Leben es im Grunde gut mit uns meint – daran ändern auch der orangene Typ, der Söder und der HUNDE-NETTO nichts.

Foto: © Erwin Wodicka   – fotolia.com/Adobe Stock

Komm, ins Offene! Dialogische Beratung auf dem Weg

 

Natürlich gibt es gute Gründe, helfende Gespräche innerhalb von vier Wänden stattfinden zu lassen – der Raum wohltemperiert und die Tür versehen mit einen Schild: „Bitte nicht stören“. Dennoch frage ich mich, warum wir die Natur, die Weite und die Bewegung heraushalten wollen aus Prozessen, in denen es – nun ja – darum geht, unserer Natur näher zu kommen, den Blick zu weiten und  Bewegung in etwas hineinzubringen. Weiterlesen

Viktor Frankl: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“

Dieses Buch hat mich berührt wie kaum ein anderes – und mich sehr neugierig gemacht auf den Autor und sein Lebenswerk. Der Wiener Psychiater Viktor Frankl wird 1942 von den Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert und 1944 von dort nach Auschwitz gebracht. Später verlegt man ihn nach „Kauffering III“ und Türkheim, zwei Außenlager des KZ Dachau. In „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ beschreibt er die Zeit von der Ankunft in Auschwitz bis zur seiner Befreiung durch die US-Army Ende April 1945 – und nimmt dabei ganz bewusst den Blickwinkel des Wissenschaftlers und Psychiaters ein. Weiterlesen