Lass es kreisen, Baby – Dialog in der Praxis

Von André

29 Oktober, 2024

Die Hortleiterin, in deren Einrichtung ich gekommen bin, um einen Dialog zwischen ihren Mitarbeiter:innen und den Lehrkräften der kooperierenden Schule anzubahnen, schaut mich entsetzt an, als ich sage, dass ich einen Stuhlkreis für meine Arbeit brauche. Sie deutet mit der Hand auf die eingedeckte lange Tafel, dann weist darauf hin, dass bereits später Nachmittag ist und ihre Leute, die zum Teil schon seit sechs Uhr morgens im Haus sind, einfach nur „durch“ sind. Wie sie Ihre Crew kennt, hätten die ganz sicher keine Lust auf „Spielchen“ und wären gewiss nicht unglücklich darüber, sollte die Veranstaltung schon eher als geplant enden.

Zum Glück gelingt es mir, mich an eine jener Strategien zu erinnern, die ich selber so gerne anpreise: Innehalten, ein paar bewusste Atemzüge nehmen und auf einer körperlichen Ebene erstmal alles spüren: all den Ärger, all die Verunsicherung sowie den starken Impuls, hier eben mal alles abfackeln zu wollen, um dann erhobenen Hauptes die Heimreise anzutreten. Ich lasse meine verurteilenden Gedanken über den inneren LED-Ticker laufen, bis am Ende nur noch einer dasteht

Kann es nicht mal einfach sein?

Unsicherheit und Traurigkeit, Sehnsucht nach Verständnis und (Vorschuss)Vertrauen – warum nicht ausnahmsweise auch mal hier in der sachsen-anhaltinischen Pampa???

Schmutzige Felder kommt mir in den Sinn. Dieser rätselhafte Begriff begegnete mir kürzlich in einer Weiterbildung. Habe ihn später gegoogelt, bin aber auf nichts Aufschlussreiches gestoßen, sodass ich hier leider nur ungefähr wiedergeben kann, was bei mir hängen geblieben ist: Dort wo Menschen miteinander agieren, gibt es niemals „reine“ Bedingungen, total verlässliche Abläufe, absolut rationale Intentionen usw. Menschen sind sehr komplexe Wesen und ihr Handeln wird von einer Vielzahl sich gegenseitig bedingender Faktoren gesteuert, von denen ein Großteil obendrein im Nebel des Unterbewussten liegt. Hinzu kommen Gruppendynamik, Neurodiversität, Darmbakterien und die Folgen subtiler Manipulation durch die digitalen Medien.

Empfehlung: „Verschmutzung“ grundsätzlich mit einkalkulieren ins weitere Vorgehen! Sie als Material und Ausgangspunkt für Transformation betrachten – vielleicht im Sinne einer Bildhauerin, welche Astlöcher und andere „Defekte“ im Holz nicht ausmerzt oder überformt, sondern sie in ihrer jeweils eigenen Ausprägung formgebend mit in den Prozess einfließen lässt.

Wer also bin ich, dass ich wie selbstverständlich davon ausgehe, hier mit reinem Wohlwollen und verständnisvoller Flexibilität empfangen zu werden?

Als engagierte Pädagogin, die dieser Kooperation zugestimmt hat, müsste sie aber eigentlich … schreit mein innerer Ticker – bla, bla, blubb …

Es gibt Situationen, da ist jedes Wort eines zu viel – deshalb probiere ich etwas anderes: Ich nehme einen Stuhl von der Tafel und trage ihn den Nachbarraum – langsam und mit aller Vorsicht, um notfalls abzulassen von dieser Idee, falls sie als Grenzüberschreitung wahrgenommen wird. Tatsächlich aber bauen wir im nächsten Moment zusammen schweigend einen Kreis auf. Möglicherweise sieht die arme Chefin gerade vor ihrem inneren Auge, wie ihr Team zu einem Lynchmob mutiert und sie mit Einbruch der Dunkelheit geteert und gefedert durch den Ort treibt.

Spoiler: Am Ende gab es einen spannenden, in vielerlei Hinsicht erhellenden Austausch im Kreis, welcher mit Blick auf die künftige Kooperation von Schule und Hort einigen Anlass zu Hoffnung gab! Am Ende war ich derjenige, der anmahnen musste, dass wir gerade die Zeit überziehen, während draußen auf der Tafel der Sekt warm und die Soljanka kalt wird.

Dass es so kam, lag wohl hauptsächlich an einem geheimnisvollen, uralten Phänomen – der Kraft des Kreises. Mittlerweile vertraue ich dieser Superpower und bereite ihr, so gut ich kann, den Boden, auf dass sie sich als beinahe „Selbstläuferin“ immer wieder entfalten kann! Klingt jetzt für viele wahrscheinlich ziemlich esoterisch, deswegen versuche ich die Sache hier mal einigermaßen sachlich herzuleiten:

  • Bevor vor langer Zeit Versammlungsgebäude aus Stein und damit einhergehend auch in „Stein gemeißelte“ hierarchische Strukturen auftauchten, bestand wohl über Hunderttausende Jahre hinweg die vorherrschende Gesellungsform darin, sich im Kreis zu treffen: Am Abend im Kreis ums Feuer sitzen und den Tag auswerten, Geschichten erzählen, dichten, singen, Pläne schmieden, Belange der Gemeinschaft besprechen, gemeinsam schweigen, Entscheidungen treffen, Streit schlichten, in Austausch treten mit Ahnen, Göttinnen und anderen Wesenheiten …
  • Das Feuer diente dabei als Mitte – ähnlich der Nabe eines Rades: Wer etwas zu sagen hatte, sprach zur Mitte und damit zu allen anwesenden Personen. In zeitgenössischen Settings laufen Wortwechsel im Vergleich dazu meist entweder „kreuz und quer“ oder hierarchisch, indem z.b. eine Autorität das Wort erteilt, zusammenfasst, gewichtet usw. Im Kreis gibt es keine Rangordnung, die sich in einer vorteilhaften Sitzposition ausdrückt.
  • Um allen Stimmen Gehör zu verschaffen, kam bei besonders bedeutsamen Treffen oft ein „Talking stick“ zum Einsatz, der von Hand zu Hand ging – wer ihn hielt, hatte das Wort, der Rest war dazu angehalten zuzuhören. Dies brachte Rhythmus und Verlangsamung in den Gesprächsfluss, sorgte für Momente von Stille und hielt wohl auch belangloses „Gequatsche“ in Grenzen. Heute gibt es bei Gruppendiskussionen hingegen die Tendenz, dass der Gesprächsfluss immer mehr Tempo aufnimmt, sobald die wirklich bewegenden Themen zur Sprache kommen. Im Ergebnis reden am Ende oft nur noch die lauten und schlagfertigen Personen miteinander, während andere sich frustriert zurückziehen – und deren wertvolle Gedanken und Ideen unerhört bleiben.

Foto: Mike Erskin – unsplash