Mit Rechten reden?

Von André

17 Mai, 2026

Zu viele Berufspolitiker:innen setzen – statt zu liefern – auf Polarisierung und Spaltung. So treffen giftige Narrative z.B. auf Abstiegsängste und den Wunsch nach einfachen Lösungen. Sie verhärten sich dann oft zu populistischen Weltsichten und aggressiven Vorurteilen, denen auch mit noch so faktenbasierter Argumentation nicht beizukommen ist.

Aber in mir lebt ein wissenschaftsaffiner Klarstellungs-Nerd. 

Der ernährt sich u.a. von Dokus, Podcasts und gut recherchierten Artikeln. Bei allzu steilen Thesen zu Klimawandel, Migration, Geopolitik usw. habe ich oft Mühe, ihn im Zaum zu halten. Er mutiert dann schnell zum altneunundachtziger Oberlehrer, der keine Gefangenen macht. Für einen konstruktiven und gleichwürdigen Umgang miteinander ist das natürlich oft nicht so günstig. Außerdem würde wohl niemand, der als „irrational“, „uninformiert“ oder „aus der Zeit gefallen“ gebranntmarkt wird, deswegen eine andere Partei wählen oder fortan auf diskriminierende Begriffe verzichten.

Ein Weg aus dieser Falle mag darin liegen, das leidige Tretminenfeld der starken Meinungen und des vermeintlichen Genau-Bescheid-wissens immer wieder zu verlassen, und den Fokus auf das unmittelbar Persönliche zu richten:

  • Wie geht es dir und mir eigentlich gerade – z.B. mit der Art, wie wir über politische Themen reden?
  • Wie reagieren du und ich auf Veränderung?
  • Wofür sind wir dankbar?
  • Wie geht es uns mit Blick auf die Zukunft unserer Kinder?

Gelingende Gespräche dieser Art schätze ich sehr, denn sie führen oft in die Tiefe – aber natürlich nicht automatisch zu anderen Wahlentscheidungen! Dennoch würde ich die transformative Kraft von Momenten echter Begegnung niemals unterschätzen – bezogen natürlich auf ALLE am Gespräch beteiligen Personen! Egal, was die anstehenden Wahlen und die kommenden Monate und Jahre bringen werden:

Neben handfestem gesellschaftlichem Gegendruck brauchen wir Menschen, die echte Fragen stellen und zuhören können – und wir brauchen Räume, in denen wertschätzende und demokratische Gesprächskultur praktiziert wird – analog und uns einander zumutend, trotz unterschiedlicher Sichtweisen und Biografien!

Als Dialogbegleiter, z.B. bei „Dazusetzen & Mitreden“ setze ich bei polarisierendem Sprech ab einem bestimmten Punkt natürlich Grenzen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, nicht zu verurteilen und die betreffenden Personen möglichst weiter im Gespräch zu halten.

Die oben abgebildeten Karten – zwei demokratische Führungsjoker aus dem bewährten Veto-Instrumentarium von Maike Plath* – sollen die Teilnehmenden ermutigen, zeitnah zu reagieren, wenn z.B. diskriminierende Äußerungen fallen: STÖRGEFÜHL und VERANTWORTUNG liegen für alle sichtbar in der Mitte und laden dazu ein, sich im Fall der Fälle irgendwie bemerkbar zu machen, anstatt nur die Luft anzuhalten und abzuwarten, wie sich die Moderation dazu verhält. Denn in der Regel sind die Dialogteilnehmer:innen in Summe recht divers, sodass polarisierende Perspektiven oft auch auf eine Art Korrektiv stoßen.

Eines möchte ich – vor allem mit Blick auf die Artikelüberschrift – zum Schluss noch loswerden:

Die Freiheit zu entscheiden, ob ich mit rechten Menschen rede oder nicht, ist ein Privileg! 

Denn es gibt viele gefährdete Zeitgenoss*innen unter uns, für die stellt sich aufgrund von Hautfarbe, Ethnie, sexueller Orientierung u.a.m. diese Frage gar nicht – und im Falle einer harten Machtübernahme würden sie zu den ersten gehören, die neben der „normalen“ alltäglichen Diskriminierung brutale Schikanen, Entzug von Rechten oder Schlimmeres erleiden müssten.

Aktuell schießen Dialoginitiativen gefühlt wie Pilze aus dem Boden – und auch unser hallesches Format „Dazusetzen & Mitreden“ erfährt immer mehr Interesse und Nachfrage. Nach etlichen Jahren Engagement mit vergleichsweise wenig Resonanz freue ich mich riesig darüber!

Wenn auch Du Lust auf gute Gesprächskultur hast, kann ich Dich nur ermutigen: Übe die nötigen Skills und fang an! Aber bitte immer schön entspannt bleiben und keine neue Norm daraus machen!

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* Erklärung zu den demokratischen Führungsjokern

  • „Störgefühl: Wenn etwas irritiert oder emotional blockiert, kann ich ‚Störgefühl‘ zurückmelden. Ich muss dabei nicht direkt benennen können, woher das Gefühl kommt.“
  • „Verantwortung: Wenn ich den Eindruck habe, dass jemand gedemütigt oder herabgesetzt wird, kann ich ‚Verantwortung‘ rufen. Die Führung weiß dann: ‚Hier stimmt etwas nicht.‘ „

Quelle: Maike Plath: „Das Veto-Prinzip. Die sieben Säulen gleichwürdiger Pädagogik“, Beltz 2023

Weitere Informationenhttps://vetoinstitut.de/


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