Ich führe Gespräche mit Schulklassen …
… und da gibt es immer wieder diese heikle Phase: Nachdem zuvor anonym ein Stimmungsbild erstellt und per Kartenabfrage Konfliktpunkte benannt wurden, lade ich die Schüler*innen ein, sich dazu zu äußern und in Austausch zu treten. Heikel wird es an dieser Stelle deshalb, weil dann oft erstmal Stille herrscht und ich mich darin üben darf, selbige auszuhalten – und darauf zu vertrauen, dass das nicht das Ende des Prozesses ist, sondern lediglich eine etwas ungemütliche Station auf dem gemeinsamen Weg.
Dabei nehme ich in letzter Zeit eine interessante Tendenz wahr:
Immer öfter sind es die Mädchen, die zuerst das Eis brechen und Worte für das finden, was sie tagtäglich erleben bzw. erleiden: wertende Äußerungen zum Körper, sexistische Kommentare, obszöne Gesten, rassistische Sprüche, Homophobie und Queerfeindlichkeit, Mobbing gegen introvertierte oder neurodivergente Mitschüler*innen, das Wegschauen der Erwachsenen … Manchmal schlägt das auch direkt in Wut um und die Betroffenen reden sich in Rage – spätestens dann fühlen sich meist auch die Jungen herausgefordert, etwas Echtes dazu sagen, anstatt immer nur Sprüche zu klopfen: Ring frei für schonungslose Auseinandersetzung, lebendigen Dialog und das ganze Spektrum der Emotionen!
Vielleicht rührt das ja von bestimmten Social-Media-Trends her …
… oder daher, dass Feminismus mittlerweile auch in der Jugendkultur voll angekommen ist. Vielleicht liegt es zum Teil auch daran, dass ich mich verändert habe – z.B. im Hinblick auf einen freieren Umgang mit meiner eigenen Wut: Da könnte es auf einer subtilen Ebene neuerdings mehr Raum geben, wenn ich in Gruppen agiere 😉. Gleichwie – ich habe das Gefühl, hier regt sich eine Superpower, die immer mehr um sich greift und sich nicht wieder einfangen lässt – ganz sicher auch nicht infolge der aktuell grassierenden Rückfälle in patriarchale Ideologie.
Wir können das unterstützen …
… indem wir Räume schaffen, wo Kinder und Jugendliche für sich sprechen können – wo es uns mehr und mehr gelingt, die elementaren Bedürfnisse hinter Wut und Widerstand zu sehen und anzuerkennen. So kommen wir früher oder später an einen Punkt, wo wir uns mit ihnen verbünden können gegen die Probleme, die es aktuell an Schule gibt – auf Augenhöhe und mithilfe ernst gemeinter Beteiligung.
Bewusstsein für demokratisches Miteinander, Sympathie für die offene Gesellschaft fallen nicht vom Himmel – und gelebte demokratische Praxis gehört in den regulären Unterrichtsalltag.


