Was braucht es, um Menschen aus unterschiedlichen Bubbles in Zeiten von Polarisierung und Daueraufregung miteinander ins Gespräch zu bringen? Braucht es ausgeklügelte Methoden, einen Master in Politikwissenschaften oder einen dreijährigen Zertifizierungsprozess in Gewaltfreier Kommunikation?
Oder: Einfach anfangen, ausprobieren, Erfolge und Misserfolge einfahren – und mit der Zeit immer mehr den richtigen Dreh finden? Ganz sicher braucht es nichts, das wir neu erfinden müssten: Es reicht, etwas herauszukitzeln, das im Menschsein offenbar bereits angelegt ist – und dieses Etwas dann sorgsam zu hüten. Ich meine dieses Gefühl, das sich ganz von selbst einstellt, wenn uns wirklich zugehört wird: Wenn wir merken, dass unser inneres Erleben sich im Blick unseres Gegenübers spiegelt, und alles seinen Raum haben darf – Raum, in dem wir einander finden und begegnen können. Das ewige Ringen um Aufmerksamkeit, die Angst vorm Schweigen oder vorm Zugequatschtwerden dürfen sich entspannen – dürfen umschlagen in lebendige Freude am Gespräch und Neugier aufeinander.

Erfahrungsgemäß verflüchtigt sich diese Qualität jedoch meist in dem Moment, wo starke Meinung, Bewertung oder ungefragter Ratschlag auf den Plan treten. Das gilt es bei der Umsetzung von Gesprächsformaten im Blick zu haben, denn wir leben nun mal in Zeiten, wo die Meinungs- und Bewertungsdichte – befeuert durch Social Media, Trump & Co. – so unfassbar hoch ist.
Hintergrund und Ausgangspunkt
Anfang 2025 entwickelte ich gemeinsam mit der Hallianz für Vielfalt erste Ideen für ein Format von Bürger:innendialogen. Im Zentrum stand die Frage, wie wir unsere Fähigkeiten, Hintergründe und Netzwerke nutzen können, um Polarisierung entgegenzuwirken und in einem rauer werdenden gesellschaftlichen Klima Räume für Begegnung und Dialog zu schaffen. Aus diesen Überlegungen heraus entstand Dazusetzen & Mitreden, eine Gesprächsreihe in Kooperation mit halleschen Vereinen, Begegnungszentren und Kirchengemeinden.
Im Mittelpunkt stand auch die Frage, wie wir dem in der Bevölkerung offenbar weit verbreiteten Eindruck entgegenwirken können, man dürfe heutzutage nichts mehr sagen – ohne damit spaltender und populistischer Rhetorik eine neue Bühne zu bieten. Die Kunst bestand nun darin, eine gute Balance zu finden zwischen „lebensweltlichen“ Kommunikationsformen einerseits (Kaffeeplausch, Smalltalk, Schwätzchen über den Gartenzaun …) und „ernsthaften“ Konzepten aus der professionellen Sphäre andererseits (Kreisdialog, Konfliktmoderation, Supervision …). Es sollte ja etwas sein, das die Menschen neugierig macht und anlockt, weil es an Bekanntes anknüpft – dann aber auch tiefere Begegnung und neue Erfahrungen möglich macht.
Was hieß das konkret?
Jeder Dialog bei Dazusetzen & Mitreden stand unter einem Thema. Diese hießen z.B. „Kennst du Einsamkeit?“, „Alte und neue Nachbarn“ oder „Wie geht es dir mit der Klimakrise?“. Der Ablauf gliederte sich in drei Teile: Zu Beginn gab es ein gemeinsames Ankommen und einen kurzen Impuls zum Thema – etwa ein Videoclip, historische Aufnahmen aus dem Stadtteil oder ein Fotorätsel. Danach folgte eine Check-in-Runde, in der alle ein paar Worte zu der Frage „Wer bin ich und was führt mich her?“ sagen konnten.
Anschließend wurden die Teilnehmenden zum „Dialogcafé“ an kleine Tische gebeten, meist zu dritt oder viert. Dort lag jeweils eine Frage bereit, zum Beispiel: „Wofür bist du dankbar im Leben?“ oder „Was ist dein Lieblingsort hier im Viertel?“ Reihum kamen alle zu Wort, hörten sich gegenseitig zu und traten danach in Austausch. Nach etwa 15 Minuten signalisierte Kaffeehausmusik den Wechsel: neuer Tisch, neue Frage, neue Gesprächspartner:innen.
Das Ganze fand in zwei oder drei Runden statt. Im dritten Teil gab es den Kreisdialog in der großen Runde. Hier lag jeweils eine Frage in der Mitte, etwa: „Was ist Dein größter Wunsch für das Miteinander hier im Stadtteil?“ Mit Dialogregeln, einem Redegegenstand und aufmerksamer Moderation wurden die Teilnehmenden darin unterstützt, wirklich zuzuhören, von sich persönlich zu sprechen und auf Bewertungen zu verzichten.

Organisatorische Rahmenbedingungen
Dazusetzen & Mitreden ist eine Kooperation zwischen der HALLIANZ für Vielfalt, der Stadt Halle und mir als Konzeptentwickler und Moderator. Uns war es wichtig, von Anfang an den Schulterschluss mit den Akteuren in den Stadtteilen zu suchen, deren Themen aufzugreifen und gemeinsam maßgeschneiderte Vorgehensweisen zu entwickeln.
Partner waren Nachbarschaftstreffs, Bauspielplätze, Stadtteilzentren, Migrant:innentreffs, Bibliotheken und Kirchengemeinden. Um alle Beteiligten mit an Bord zu holen und im engen Austausch zu bleiben, fanden Informationsverantaltungen statt, und es gab mehr als ein Dutzend individuelle Vorgespräche vor Ort. Auswertungstreffen trugen u.a. dazu bei, die Erfahrungen und Wünsche der Kooperationspartner:innen in die Weiterentwicklung des Dialogkonzeptes einfließen zu lassen.
Zusätzlich zu den hier beschriebenen Dialogen fanden im Rahmen von Dazusetzen & Mitreden noch zwei Veranstaltungen in einem anderen Format statt: Die Living Library von Jedermensch e.V. Hier fungieren Menschen als „human books“, die in einem geschützten Rahmen in 20- bis 30minütigen Gesprächen in Kleingruppen von ihren Erfahrungen mit z.B. Diskriminierung, Flucht oder Identität berichten und von den Teilnehmenden ›ausgeliehen‹ und befragt werden.
Zum Rahmen gehörte auch die Bewirtung der Teilnehmenden mit Kaffee, Tee, Kuchen, Snacks usw. – manchmal wurde im Anschluss sogar gegrillt, Pizza gebacken oder Suppe über einem Feuer angerichtet. Die Einrichtungen erhielten dafür ein Budget, das sie für Einkäufe, Saalmiete o.ä. verwenden konnten.
Zahlen, Daten, Fakten? Bittesehr!
Die Dialogreihe begann am 7. August 2025 im Bürgerpark des Freiimfelde e.V. und endete mit einer Living Library in der halleschen Stadtbibliothek am 5. November 2025.
Es fanden 15 Dialoge statt – bei 14 Gastgebern in 7 Stadtteilen von Halle.
Insgesamt nahmen 225 Hallenser:innen daran teil.
Themen waren z.B. „Kennst du Einsamkeit?“, „Zusammenleben im Johannesviertel“ oder „Wie geht es dir mit der Klimakrise?“
Wenn du neugierig bist auf die anderen Themen oder Einzelheiten zu Dialogen in den halleschen Stadtteilen, schau dir die Dazusetzen-Mitreden-Präsentation an:
Wie geht weiter?
Auch im Spätsommer und Herbst 2026 sind wieder Bürger:innendialoge im Format Dazusetzen & Mitreden geplant. Ausgehend von den Erfahrungen von 2025 wird es dabei drei Neuerungen geben:
- Der Kreis der Moderator:innen soll sich vergrößern – deshalb ist im Frühjahr 2026 eine Fortbildung in Dialogbegleitung. Diese richtet sich an Personen, die Lust haben, dialogische Kernfähigkeiten zu vertiefen – nicht nur, um bei Dazusetzen & Mitreden mitzuwirken, sondern auch um z.B. in Vereinssitzungen, Meetings oder in Jugendgruppen für gute Gesprächskultur und gute Resultate zu sorgen.
- Zum bisherigen dreiteiligen Ablauf kommt künftig ein vierter Teil namens „Informeller Austausch“ hinzu: Hier geht es darum, bei Essen, Trinken und Gesprächen frei von vorgegebener Struktur die Veranstaltung ausklingen zu lassen, ggf. bestimmte Gedanken noch einmal zu vertiefen oder aufgekommene Differenzen zu klären.
- Ausgehend von der häufig gestellten Frage „Wie soll es nun (nach dem Dialog) weitergehen?“ haben wir ein Format nach Art von Zukunftswerkstatt konzipiert – und sogar schon ausprobiert. Das kann sich an die Bürger:innendialoge anschließen, um auf Basis gelungener Verständigung und Annährung Ideen für ein besseres Miteinander im Stadtteil zu entwickeln, konkrete Ziele aufzustellen und die entsprechenden Vorhaben dann gemeinsam zu planen und umzusetzen.
Herausforderungen
Ein Jahr mit Dazusetzen & Mitreden liegt hinter uns. Ohne Frage war es eine Erfolgsgeschichte, und ich bin gespannt, wie sie sich weiterentwickelt. Aber ich möchte nicht unterschlagen, dass es auch ziemlich herausfordernde Momente gab: Nicht immer fanden Teilnehmer:innen den Zugang zu jener dialogischen Qualität, die uns am Herzen lag. Schließlich sind wir in den Momenten, wo es gelingt, Menschen aus verschiedenen Bubbles zusammenzubringen, immer mal wieder auch gefordert, uns mit Phänomenen wie Mansplaining, polarisierender Stimmungsmache und Alltagsrassismus auseinandersetzen. Unsere Lernerfahrung bestand dabei hauptsächlich darin, klare Grenzen zu setzen und trotzdem den Gesprächsfaden zu den betreffenden Personen möglichst nicht abreißen zu lassen. Es geht nicht darum, Menschen wegen polarisierender Ansichten zu verurteilen oder auszugrenzen. Aus unserer Sicht liegt das Problem darin, dass Erzählungen von Politiker:innen, die vor allem auf Spaltung und Angst setzen, schnell Anschluss finden und über soziale Medien eine Dynamik entfalten, die sie für viele Menschen wie „Wahrheit“ erscheinen lässt. Gelingt es, in eine echte Begegnung von Mensch zu Mensch zu treten, stellt sich oft heraus, dass die Wirklichkeit vielgestaltiger ist als bisher angenommen. Mitunter geschieht Überraschendes und Vorurteile bekommen Risse.
Wenn wir Dialogräume dieser Art schaffen und aufrechterhalten, tragen wir zu einer lebendigen und respektvollen Gesprächskultur innerhalb der Stadtgesellschaft bei – das reduziert Isolation, Angst und Ohnmacht und erhöht die Chance, dass z.B. Nachbarschaften einmal mehr ins gemeinsame Handeln kommen.
Dazusetzen & Mitreden wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“, der Stiftung Zukunftswege Ost sowie dem Land Sachsen-Anhalt.

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

Foto: André Gödecke

Foto: Stephan Retzlaff

Foto: Jedermensch e.V. Halle

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)
Titelfoto: Stephan Retzlaff



