Obwohl ich seit fast zwei Jahren mit dem Veto-Prinzip vertraut bin und damit gute Erfahrungen in Erwachsenengruppen machte, habe ich es nun zum ersten Mal auch in die Arbeit mit Schulklassen eingeführt.
D.h., ich habe im Rahmen eines Dialogprojektes an einer Sekundarschule den Kindern ein Vetorecht eingeräumt: Jede:r kann Veto einlegen – z.B. gegen Übungen, zu denen ich einlade, gegen Themen, die ich einbringe oder auch gegen Vorschläge, die aus der Gruppe kommen. Einzige Bedingung: Nicht die Aula verlassen. Veto kann lautstark erfolgen, indem ich etwas infrage stelle, diskutiere, Gegenvorschläge mache – oder kann still erfolgen, indem ich mich bspw. während einer Übung aus der Gruppe zurückziehe und passiv am Rand halte.
Veto ist einer von sieben demokratischen Führungsjokern in einem Konzept zur gleichwürdigen Führung bei Maike Plath. Bisher wandte ich den Ansatz im Kontext von Erwachsenenbildung und Supervision an. Bei der Arbeit mit Schulklassen zögerte ich jedoch immer noch vor der letzten Konsequenz!
Warum?
Da war so ein Bild von „die Schleusentore öffnen“ in meinem Kopf, und ich hatte ziemlichen Respekt vor der Wucht der Verweigerung, welche so ein Vetorecht in einem stark regulierten Setting wie Schule mit sich bringen kann. Als externer Trainer habe ich i.d.R. nur vergleichsweise kurz mit den Klassen zu tun, und es könnte schwierig werden, die dadurch ausgelösten Prozesse gut zu begleiten. So weit, so kleinmütig.
Was hat nun aber zur Einführung von Veto in besagtem Schulprojekt geführt?
Erstens: Die Kooperationsbereitschaft der betreffenden Schule entpuppte sich, nun ja, als ziemlich unterirdisch – eine Tatsache, die mir so einen herzhaft-satten EGAL-Impuls bescherte! Außerdem hatte ich eine superkompetente Schulsozialarbeiterin an meiner Seite, die das Ganze wunderbar mittrug.
Zweitens: Es waren die letzten Tage vor den Weihnachtferien, d.h. sowohl Kinder als auch Erwachsene waren „durch“ – und ich war gut beraten, darauf Rücksicht zu nehmen.
Drittens: Eigentlich war mir schon lange klar, dass Kinder und Jugendliche trotz Regeln, Sanktionen und autoritärer Drohkulisse sowieso Veto einlegen, wenn für sie etwas nicht passt – unter den gegebenen Umständen jedoch meist indirekt oder in Form von Provokationen oder eskalierenden Störungen. Warum dann also nicht ganz offiziell ein Vetorecht einführen – und präsent und zugewandt mit dem umgehen, was das dann passiert? Schließlich hatte ich in Erwachsenengruppen immer wieder erlebt, dass darin Chancen für echten Dialog und gemeinsame Entwicklung liegen!
Was dann geschah
Um es vorwegzunehmen: Es gab kein Chaos – zumindest nicht mehr als das übliche Chaos in einer 6. Klasse an einer Sekundarschule. Jedoch löste die Einführung des Veto-Jokers eine Kaskade interessanter Reaktionen aus, von denen ich einige kurz beschreiben möchte.
Am ersten Tag setzte sich infolge von Veto die halbe Klasse von einer meiner Übungen ab, in der es um das Erkunden eigener Stärken (und das Reden darüber) ging – manche Kinder taten das entschlossen und freudig, manche eher zögerlich und schüchtern:
Ein Junge (sich flüsternd an mich wendend): „Herr Gödecke, darf ich auch Veto machen?“
Ich so: „Ja, DARFST du!“ – und feierte innerlich …

Die Truppe bildete dann am anderen Ende der Aula tatsächlich einen eigenen Stuhlkreis und sprach über Dinge, die wohl nur sie etwas angingen. Die Lautstärke hielt sich in Grenzen, sodass ich relativ ungestört mit den verbliebenen Schüler:innen weitermachen konnte. Irgendwann sagte ein Mädchen, dass es doch schade sei, wenn nicht alle dabei sind, weil es ja irgendwie auch wichtig ist, mal über solche Dinge zu reden. Daraufhin versuchte ein Junge, die Truppe dazu zu bewegen, wieder an der Übung teilzunehmen – allerdings auf die Distanz und in so einer Art Befehlston. Ich ermutigte ihn, hinzugehen und eine direkte Bitte abzusetzen. Damit hatte er keinen Erfolg und kam mit hängendem Kopf wieder zurück in den Kreis.
Dort ging es inzwischen darum, wie schwierig es ist, Zusammenhalt in der Klasse hinzubekommen. Ich dachte bei mir: Guter Punkt – und feierte innerlich …
Am nächsten Tag war es nur eine Handvoll Kinder, die sich zeitweise dafür entschieden, ihr eigenes Ding zu machen – und die dann über längere Zeit einfach nur mit hohem Tempo im Raum umherliefen. Das sorgte hin und wieder für Störungen und führte – entgegen der Abmachung im Vorgespräch – zu einer Intervention der Klassenlehrerin. Irgendwann fand sich das Grüppchen dann murrend wieder im Kreis ein. Auf Nachfrage hieß es, die Klassenlehrerin hätte gesagt, dass Veto jetzt „abgelaufen“ sei – und ich feierte schon wieder innerlich …
Einigermaßen bewegt war ich am Ende noch, als ein Junge auf mich zukam, und mir eröffnete, dass ihm das mit dem Veto richtig gutgetan hat:
„Weil ich in solchen Runden nie stillsitzen kann und aufpassen muss, dass ich nicht durchdrehe und alle anderen nerve!“
Fazit
Auch wenn es nur ein erstes erkundendes Prototyping an gerade mal zwei Projekttagen war, und ich aktuell auch gar nicht weiß, ob die Kooperation mit der betreffenden Schule weitergeht: Die hier von mir beschriebenen Entwicklungen könnten unter Bedingungen verlässlicher Zusammenarbeit der Beginn eines wirklich spannenden Entwicklungsprozesses sein:
Was will ich nicht?
Was will ich?
Wie will ich das?
Was brauche ich dafür?
Diese vier Fragen bilden den Vetokompass und weisen meiner Ansicht nach einen Weg aus dem Dilemma von Anpassung und Rebellion. Denn dieses belastet nach wie vor das Miteinander in der Schule und kostet alle Beteiligten so unglaublich viel Energie und Nerven!
Für mich war das definitiv eine wertvolle und bestärkende Erfahrung – und ehrlich gesagt wurde es Zeit, dass ich auch in der Schule etwas einbringe, das spürbar einen Zug in Richtung Zukunft enthält.
Möchtest du mehr darüber erfahren?
Geh zum Vetoinstitut oder höre Maikes Dokufiktion „Türwächter:innen der Freiheit“ auf Spotify und anderen gängigen Streamingdiensten.
Wenn du´s praktisch erleben möchtest und zudem noch in Halle wohnst: Im Januar starte ich ein Vetolab im Vally-Nachbarschaftstreff!
Auch in Leipzig gibt es ein Vetolab mit Katharina de Vette, an dem ich auch regelmäßig teilnehme: https://vetoinstitut.de/veto_labs/


