Wir arbeiten uns weiter vor in der Pyramide "Gelingende Kommunikation in Konflikten"! Nachdem ich dich vor ein paar Tagen in das Modell eingeführt habe, geht es in diesem Artikel um die erste Ebene: Du erfährst, worauf du achten kannst, bevor du ins Gespräch gehst - und welche Rolle deine Art zu atmen dabei spielt. Reflektiere deine innere Haltung, um deine Kommunikationsfähigkeiten auf ein ganz neues Level zu bringen - viel Spaß beim Lesen!
Bei der „Essenz“ geht es zunächst einmal um die Fähigkeit des Innehaltens. Denn das, was sich im Streit immer wieder offenbart, entspricht in der Regel leider nicht unseren besten Eigenschaften, Fähigkeiten und Gaben! Vielmehr handelt es sich meist um instinktive Reaktionen auf menschheitsgeschichtlich schon länger zurückliegende Bedrohungsszenarien:
- Auch wenn ich mich lediglich in einer kleinen, unschönen Drängelei im überfüllten Regionalexpress wiederfinde, und nicht im Kampf mit einem ausgewachsenen Grizzlybären, der mir den Weg zu meiner Schlafhöhle versperrt: Wahrnehmung und Denken werden tunnelartig, während mein Adrenalinpegel in die Höhe schießt.
- Gleichwohl es sich nur um die schnippische Bemerkung einer Seminarteilnehmerin handelt, und nicht um die gedämpften Stimmen sich anschleichender feindlicher Krieger: Mein System schaltet erstmal instinktiv auf Verteidigungsmodus inklusive steigendem Blutdruck und sinkender Fähigkeit zu Gelassenheit und Humor.
Dem Atem kommt dabei eine besondere Bedeutung zu: Kontrolliertes, verlangsamtes Atmen in den Bauch hinein signalisiert dem Gehirn „Entwarnung“. Einer meiner Mentoren in der Gewaltfreien Kommunikation vertritt die Überzeugung, dass bewusstes Atmen einen direkten Bezug zum Moment unmittelbar nach der Geburt herstellt: Der erste Atemzug markiert den Eintritt in die Welt außerhalb des Mutterleibes und ist die Voraussetzung dafür, dass das Leben von nun an auf einer neuen Entwicklungsstufe stattfinden kann. Bewusstes Atmen in herausfordernden Situationen also im Sinne einer Rückbindung an das Lebendige in mir!
Eine von vielen Möglichkeiten, ins bewusste Atmen zu kommen, sei hier kurz vorgestellt:
- Jeweils beim Ein- und Ausatmen in Gedanken (!) folgende Wort sprechen: „Wenn ich einatme, weiß ich, dass ich einatme – wenn ich ausatme, weiß ich, dass ich ausatme."
- Dabei mit der Nase einatmen und mit dem Mund ausatmen – die Unterlippe leicht eingezogen, sodass der Luftstrom auf ihr zu spüren ist.
- Was empfinde ich gerade? (Anspannung? Herzklopfen? Nervosität? Lähmung? „Hals“ …? Aha!)
- Was fühle ich? (Empörung? Angst? Enttäuschung? Traurigkeit …? Oje!)
- Was tun wir hier gerade und will ich das eigentlich?
- Was sollte auf keinen Fall passieren?
- Was würde mir jetzt wirklich guttun?


