Mein Blick fällt durchs Fenster auf den verschneiten Garten, der im fahlen Licht des bedeckten Januarhimmels helleren Tagen entgegen schlummert. Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege (Erich Kästner) – und für mich als Selbständiger beginnt es wie immer etwas karg, was die Aufträge betrifft, was sich aber erfahrungsgemäß im Laufe der ersten Wochen ganz schnell ändert.
Dennoch gab zum Jahresbeginn schon eine Handvoll Aufträge für Supervision und Teamdialog – und im Nachklang habe ich das Gefühl, dass sich etwas verändert hat, dass sich etwas verschoben hat in der Art und Weise, wie diese Gespräche ablaufen – nicht viel und nicht grundlegend, aber um so tiefgreifender in der Wirkung.
Wenn ich heute auf die Anfänge meiner Tätigkeit zurückschaue, sehe ich mich beinahe wie ein munteres Äffchen, das sich an minutiös geplante Abläufe klammert und emsig von Methode zu Methode turnt. Himmel, es hat Jahre gedauert, bis ich diese Art von Performance loslassen konnte!
- Marshall Rosenberg brachte – auch mit Blick auf die von ihm entwickelte Gewaltfreie Kommunikation – die Metapher eines Bootes ins Spiel: Triffst du auf deiner Reise auf einen Fluss, dann ist es natürlich hilfreich, ein Boot zu benutzen, um auf die andere Seite zu gelangen. Weniger hilfreich dagegen ist es, das Boot danach weiter mit dir zu tragen, um für künftige Flussüberquerungen gerüstet zu sein.
- „Es gibt keine Methode – es gibt nur Achtsamkeit.“ – dieser Satz ist überliefert vom indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti.
- Am besten aber bringt es meiner Meinung nach der Volksmund auf den Punkt: „Weniger ist mehr!“
Auch wenn seinerzeit meine methodische Vorbereitung mit jeder Weiterbildung und mit jedem gelesenem Buch immer virtuoser und maßgeschneiderter wurde, bewahrte mich das nicht davor, in bestimmten Kursgruppen, Teams oder Schulklassen immer mal wieder zu scheitern – an vermeintlichem „Desinteresse“, „Widerstand“ oder gar „mangelndem Reflexionsvermögen“.
Brauchte ich damals diese Zuschreibungen, um mir das Scheitern zu erklären und meinen Frust abzubauen, verordne ich mir heute in solchen Situationen Verlangsamung oder gänzliches Innehalten, stelle ich mir die Frage nach dem blinden Fleck und nach dem verborgenen Sinn hinter dieser Situation. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass Menschen in der Regel erstmal das zum Ausdruck bringen, was sie nicht wollen. Wenn ich das respektvoll anerkenne und zugewandt bleibe, entsteht ein Raum, in dem Überraschendes geschehen kann, das den Beteiligten womöglich als Wendepunkt in Erinnerung bleibt.
An diesem Punkt braucht es weniger fancy Methoden, sondern eher radikalen Respekt und Empathie. Braucht es mitunter das freimütige Eingeständnis, ein fehlbarer Mensch zu sein, der manchmal einfach keine Ahnung hat, was unter der sichtbaren Oberfläche gerade vor sich geht – der aber bereit ist, eine milde, erkundende Haltung einzunehmen. Klingt in der Theorie wohl einfacher, als es in Wirklichkeit ist – aber was mir dabei hilft, ist eine ebenfalls über viele Jahre gereifte Gewissheit:
Jede Begegnung zwischen Menschen – egal ob in Supervision, im Abteil der Deutschen Bahn oder gar in einer sterbenslangweiligen Dienstberatung – trägt potenziell immer einen tieferen Sinn, ein Geschenk oder die Möglichkeit einer überraschenden Wendung in sich.
Nur ist dieses besondere Potenzial oftmals leider verschüttet unter schweren Brocken aus Anspannung, negativer Stimmung, schlechten Erfahrungen usw. Wenn aber nur eine Person im Raum um dieses verborgene Wunder weiß – so wie wir an grauen Januartagen um die Sonne über der bleiernen Wolkendecke wissen – kann jenseits aller Methodik plötzlich ein persönlicher Satz fallen, kann ein stiller Moment entstehen, aus dem heraus sich substanzielles Gespräch und echte Kooperation zu entwickeln vermag.
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