Mein Name war Publikum, James Publikum

Von André

25 März, 2026

Aktuell beschäftigt mich mal wieder ein zentrales Thema dialogischer Praxis im Alltag: Das Gefühl des Ausgeliefertseins notorischen Selbstdarstellerinnen und Vielrednern gegenüber – verbunden mit oft mehr oder weniger unbeholfenen Versuchen, der damit verbundenen Zumutung angemessen zu begegnen.

Augenzwinkernde Warnung für Leser:innen, welche in diesem Bild tendenziell „auf der Bühne beheimatet“ sind: Es geht hier ausnahmsweise mal nicht um Euch! Was jedoch nicht heißt, dass ich Euch nicht auch in Euren spezifischen Nöten sehen kann – vielleicht die Angst vor Stille, vielleicht das Gefühl von Unsicherheit bei ausbleibender Aufmerksamkeit, oder das Reden, um nicht zu fühlen …

Erst im reifen Erwachsenenalter realisierte ich, dass ich in einem Umfeld aufgewachsen bin, wo man sich im Wesentlichen um sich selber drehte – mit der Energie eines mentalen schwarzen Loches und immer auf der Suche nach Bestätigung von außen. Das soziale Umfeld, einschließlich der Kinder, ist dann automatisch dafür zuständig, das permanente, meist unterbewusste Verlangen nach Anerkennung und Bewunderung, zu stillen.

Wobei dieses Verlangen gar nicht von außen gestillt werden kann, wenn im Inneren der Persönlichkeit die Ressource Selbstwertgefühl so gut wie nicht vorhanden ist!

Natürlich prägt so etwas – und es sorgt dafür, dass ich in der Begegnung mit auf Selbstwertstabilisierung ausgerichteten Persönlichkeiten Gefahr laufe, in alte Muster zurückzufallen: Lächeln, nicken, „hmm“ und „ja“ sagen, obwohl ich innerlich nicht wirklich bei der Sache bin – geschweige denn jenes warme und lebendige Gefühl verspüre, das sich bei wirklich guten Gesprächen normalerweise einstellt.

Was also tun? 

Kürzlich saß ich mit meiner Partnerin, die mit einer ähnlichen Prägung zu kämpfen hat, zusammen am Küchentisch – und wir spürten eine wilde Entschlossenheit: Wieder einmal waren wir bei einer Begegnung im Kreise der Verwandtschaft konfrontiert mit einem epischen Redeschwall – ohne auch nur ein Fünkchen Interesse an uns als Gegenüber, ohne auch nur einen Hauch von Gefühl für Balance von Sprechen und Zuhören!

Uns wurde klar: Wenn wir nicht immer wieder in die kommunikative Defensive geraten wollen, ist es an uns, in solchen Situationen die Führung übernehmen! D.h. eigene Themen einbringen, Fragen stellen, Grenzen setzen, die Dauer des Gesprächs bestimmen – und natürlich auch das eigene Unbehagen und die eigenen Bedürfnisse zum Ausdruck bringen.

Bei der Frage, was uns so oft daran hindert, eben diese Führung zu übernehmen, stießen wir auf zwei uns wohlbekannte Phänomene: Bei mir ist es das „Wegbeamen“, d.h., meine Gedanken neigen während des „Zuhörens“ dazu, auf Wanderschaft zu gehen. Meine Partnerin hingegen tendiert in solchen Situationen dazu, mit ihrer Aufmerksamkeit nahezu vollständig bei der anderen Person zu sein – die problematische Seite der Empathiefähigkeit eben. Beiden Phänomenen gemeinsam ist aber die fehlende Verbindung mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Eben diese Qualität von innerer Verbundenheit ist aber die Voraussetzung, für die oben genannte Form von Führung!

Es beginnt zunächst mit kleinen Schritten: Mich trotz Redeschwall in Achtsamkeit, bewusstem Atmen und Selbstreflexion zu üben, auf Körperempfindungen zu achten, mich fragen, ob dieses Gespräch mir gerade guttut oder nicht. Oder: Mich beim „Hmm“-sagen (wenn es denn schon geschieht) mal bewusst beobachten – mir anschließend vornehmen, beim nächsten „Hmm“-Impuls das „Hmm“ mal wegzulassen … Mittlerweile unterstützen wir uns mithilfe von Blickkontakt auch gegenseitig darin, uns nicht wegzubeamen bzw. emotional absorbieren zu lassen.

So sind wir aktuell dabei, uns peu à peu zu befreien von etwas, das wir als Kinder sorgfältig „einüben“ mussten, um in unserem jeweiligen sozialen Umfeld klarzukommen – etwas, das sich leider nicht eben schnell ablegen lässt wie ein muffiger Wintermantel in den ersten warmen Tagen im März.


Magst Du jeden Monat einen Artikel von mir direkt in Dein Postfach bekommen?
Dann abonniere hier meinen Newsletter „Dialogische Praxis“!