Warum ich mit „Sozialtrainings“ nichts am Hut habe

Von André

30 August, 2024

Aus Gründen, die etwas mit Fördermittelverwendung zu tun haben, laufen meine ALLE WETTER Kreisgespräche oft unter der Überschrift „Sozialtraining für Schulklassen“. Bis vor kurzem war mir das einigermaßen egal. Aber dann geschah etwas, und ich musste anerkennen, dass bestimmte Begriffe sich gegen die eigentliche Intention wenden können, wenn es an klarer Kommunikation fehlt.

Ende 2023 saß ich in der Aula einer Sachsen-Anhaltinischen Grundschule zusammen mit einer vierten Klasse – und es ging schnurstracks auf die „heiße Phase“ des ALLE WETTER Prozesses zu: Die Kinder warfen Pokerchips auf am Boden verteilt liegende Blätter mit Themen, um darüber abzustimmen, über was sie in der verbleibenden Zeit reden möchten. Die Themen stammten aus der vorhergehenden Phase, in der die Schüler:innen all das, was sie im Hinblick auf das Miteinander in Klasse bewegt, anonym auf Sonnen- und Wolkenkarten schrieben.

Die Auszählung der Chips ergab nun, dass die meisten Kinder über ihre Konflikte mit den Klassensprecherinnen reden wollten. Ich sah zu den beiden betreffenden Mädchen hin: Sie saßen mit eingezogenen Kopf da und schauten mich ängstlich an. Um sie zu schützen, schlug ich vor, einfach das zweitplazierte Thema zu nehmen. Die beiden hielten mir jedoch entgegen, dass sie selber mit für dieses Thema gestimmt haben und dass sie nun unbedingt darüber sprechen möchten – wenngleich sie gerade eine Mega-Angst verspürten.

Gesagt, getan: Das Thema lag nun in der Mitte des Kreises, und eine große Muschel, die als Redegegenstand dient, ging von Hand zu Hand. Frage: „Was erlebst du (bezogen auf das Thema) und wie geht es dir damit?“ Es stellte sich heraus, dass die Konflikte mit den Klassensprecherinnen daher rührten, dass sie für Ruhe sorgen sollen, wenn keine Lehrer:in im Raum ist. Um ihre Autorität zu stärken, wurden sie sogar mit einer Art Punktesystem ausgestattet:

Bist du zu laut, kriegst du Punkt.

Mal abgesehen davon, dass dieser Job ganz sicher nicht zu den Aufgaben von Klassensprecher:innen gehört – das Konfliktpotenzial einer solchen Praxis ist natürlich vorprogrammiert: Angefangen beim Vorwurf, dass die Jungen IMMER mehr Punkte bekommen als die Mädchen, bis hin zur spitzfindigen Aufforderung, sich bei eigenen Verstößen doch bitteschön auch selber Punkte zu geben …

Tatsächlich herrschte am Ende dieses sehr emotional geführten Kreisdialogs Einigkeit darüber, dass eine solche Aufgabe zu viel Verantwortung bedeutet und dass es gut wäre, das mal mit den verantwortlichen Pädagog:innen zu besprechen.

Als ob ich bis dahin nicht schon genug Irritationen erlebt hätte, kam ich bei der Nachbesprechung im Kollegium nochmals ins Staunen, als jemand meinte: „Schade, dass nicht über die eigentlichen Probleme der Klasse gesprochen wurde!“ Gerade mit Blick auf die kommende Klassenfahrt hatte man sich von einem „Sozialtraining“ erhofft, dass die Disziplinprobleme (insbesondere der Jungen) zum Thema gemacht und angegangen werden. Außerdem hat es eine gewisse Mühe gekostet, wieder etwas Ruhe in die vom Kreisgespräch aufgewühlte Truppe zu bringen.

Da war es wieder, das Wort „Sozialtraining“, welches doch eigentlich nur der Kommunikation auf Verwaltungsebene geschuldet war (in meiner Welt jedenfalls). Dieses dumme Miststück von einem zusammengesetzten Substantiv wurde de facto zum bestimmenden Maßstab der Pädagog:innen – trotz eines ausführlichen Vorgespräches, in dem ich den ALLE WETTER Prozess vorstellte.

Nicht, dass es vergeudete Zeit gewesen wäre, mit den Schüler:innen über die Sache mit den Klassensprecher:innen zu reden – aber es ist natürlich ärgerlich, wenn zwischen den Kooperationspartner:innen und mir am Ende ein ungutes Gefühl bleibt, bzw. die Kooperation abbricht, wie es in diesem Fall leider geschah.

Mindestens ein Gutes hatte dieses Ereignis jedoch – es brachte mich dazu, klarzumachen, wofür ich gehe und wofür nicht:

  • Ich gehe dafür, dass Schulen zu einem freundlicheren Ort werden – zu einem Ort, an dem vor allem jene Fähigkeiten heranreifen, die es für die persönliche Selbstregulation, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die demokratische Bewältigung künftiger Krisen braucht.
  • Dafür ist es aus meiner Sicht notwendig, die Kinder zunächst einmal für sich selbst sprechen zu lassen, bzw. ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Stimme innerhalb der Gemeinschaft zu entwickeln. Meine Aufgabe besteht hierbei vor allem darin, gut zuzuhören und die Schüler:innen darin zu unterstützen, ihre Ideen im Hinblick auf ein gelingendes Miteinander in die Tat umzusetzen.
  • Ich gehe nicht dafür, die Kinder an ein System von Regeln anzupassen, welches aus einer Zeit stammt, in der Schule hauptsächlich dafür da war, junge Menschen für Fließbandarbeit, Militärgehorsam, Beamtentum und „mütterliche Pflichten“ zu qualifizieren. (Wenngleich das alles der Vergangenheit angehört, versucht Schule alten Typs sich als dysfunktionales Überbleibsel am Leben zu halten, indem sie weiter auf Unterordnung, Angst vor Fehlern und autoritäre Strategien setzt.)
  • Mir ist klar, dass diese meine „Denke“ und das daraus jeweils entspringende pädagogische (Nicht)Handeln mitunter auch mal Unruhe und Chaos auslösen kann – vor allem dann, wenn der gewohnte autoritäre Modus verlassen wird und das Neue noch nicht ganz greift. Ich sehe dies als notwendige Begleiterscheinung, als gemeinsam zu bewältigende Passage am Übergang vom alten zum neuen System.

Bleibt mir zum Schluss noch zu sagen: Ich gehöre nicht zu jenen Dauerempörten, die Lehrer:innen für alle möglichen Missstände in diesem Land verantwortlich machen! Die allermeisten Lehrkräfte sind für mich Held:innen des Alltags, die extrem wertvolle und aufreibende Arbeit leisten. Sie sorgen jeden einzelnen Tag dafür, dass die Kinder trotz aller Zumutungen des Systems eine möglichst gute Zeit haben. Vieles, was von außen betrachtet problematisch erscheint, geht auf strukturelle Faktoren wie Personalmangel, Bürokratie und systemisch bedingtes Einzelkämpfertum zurück. Mich interessiert vor allem, wie die Pädagog:innen darin bestärkt werden können, mutig neue Wege (auch gegen Widerstände) zu gehen, ohne dass dabei Freude und Leichtigkeit auf der Strecke bleiben.