Was (m)ich 2025 bewegte

Von André

30 November, 2025

Was braucht es, um Menschen aus unterschiedlichen Bubbles in Zeiten von Polarisierung und Daueraufregung miteinander ins Gespräch zu bringen?

Braucht es ausgeklügelte Methoden, einen Master in Politikwissenschaften oder einen dreijährigen Zertifizierungsprozess in Gewaltfreier Kommunikation?

Oder: Einfach anfangen, ausprobieren, Erfolge und Mißerfolge einfahren – und mit der Zeit immer mehr den richtigen Dreh finden?

Ganz sicher braucht es nichts, das wir mit viel Aufwand erst machen oder herstellen müssten: Es reicht, etwas herauszukitzeln, das in der menschlichen Natur bereits angelegt ist – und dieses Etwas dann sorgsam zu hüten und darüber zu wachen, dass es nicht gleich niedergewalzt wird.

Ich meine dieses Gefühl, das sich ganz von selbst einstellt, wenn uns wirklich zugehört wird: Wenn wir merken, dass unser inneres Erleben sich im Blick unseres Gegenübers spiegelt, und alles seinen Raum haben darf – Raum, in dem wir einander finden und begegnen können. Das ewige Ringen um Aufmerksamkeit, die Angst vorm Schweigen oder vorm Zugequatschtwerden dürfen sich entspannen – dürfen umschlagen in quicklebendige Freude am Gespräch und pure Neugier aufeinander.

Sowohl mein eigenes Erleben, als auch Rückmeldungen von Dialogteilnehmer:innen deuten dabei auch auf eine explizit körperliche Empfindung hin: Ich würde sie beschreiben als eine Mischung aus Wärme, entspannter Aufmerksamkeit und einer Art innerer Vibration – einhergehend mit Gefühlen von Verbundenheit und Vertrauen.

Erfahrungsgemäß verflüchtigt sich diese Qualität jedoch meist in dem Moment, wo starke Meinung, Bewertung oder ungefragter Ratschlag auf den Plan treten. Das gilt es im Blick zu haben, denn wir leben nun mal in Zeiten, wo die „Meinungs- und Bewertungsdichte“ – befeuert durch Social Media, Trump & Co. –  so unfassbar hoch ist!

Wie alles begann, welche Idee wir entwickelten und worin meine größte Herausforderung bestand

Anfang 2025 stellte ich zusammen mit meinen wunderbaren Kolleg:innen Karen Leonhardt und Fabian Sieber erste Überlegungen zu einem Format für Bürger:innendialoge an. Ausgangspunkt war die Frage, wie wir unsere jeweiligen Fähigkeiten, Hintergründe und Netzwerke nutzen können, um Polarisierung entgegenzuwirken und inmitten eines immer rauer werdenden gesellschaftlichen Klimas Inseln der Begegnung und des Dialogs schaffen können. Das Format sollte die oben beschriebene Qualität des Erlebens fördern, indem es die Gesprächsteilnehmer:innen zu aufmerksamem Zuhören und zum Sprechen aus der Ich-Perspektive anregt. Zugleich galt es, Tendenzen von Polemik und gegenseitiger Etikettierung und Abwertung den Nährboden zu entziehen.

Herausgekommen ist Dazusetzen – Mitreden – eine Gesprächsreihe in Kooperation mit halleschen Vereinen, Nachbarschaftsteffs und Kirchengemeinden. Im Mittelpunkt stand auch die Frage, wie wir dem in der Bevölkerung weit verbreiteten Eindruck entgegenwirken können, man dürfe heutzutage nichts mehr sagen – ohne damit spaltender und populistischer Rhetorik eine neue Bühne zu bieten.

Die Kunst bestand nun darin, eine gute Balance zu finden zwischen „lebensweltlichen“ Kommunikationsformen (Kaffeeplausch, Smalltalk, Schwätzchen über den Gartenzaun …) einerseits und „ernsthaften“ Konzepten aus der professionellen Sphäre (Kreisdialog, Konfliktmoderation, Supervision …) andererseits. Es sollte ja etwas sein, das die Menschen neugierig macht und anlockt, weil es an Bekanntes anknüpft – dann aber auch tiefere Begegnung und neue Erfahrungen möglich macht!

Übrigens mag ich genau diese Art von Herausforderung und liebe es, an Dialogdesigns zu feilen – so lange, bis ich das Gefühl habe, dass jedes denkbare Szenario und jeder relevante Personentyp berücksichtigt ist und zum großen Ganzen beitragen kann. (Natürlich bleibt immer ein Rest Überraschungs- und Lernpotenzial, weil wir es ja mit wunderbar eigenwilligen Menschen sowie komplexen und lebendigen Prozessen zu tun haben. 🙂

Wie läuft so ein Bürger:innendialog konkret ab?

Jede Veranstaltung von Dazusetzen – Mitreden hatte ein Thema und beinhaltete eine Vorgehensweise in drei Teilen:

1.      Ankommen: Impuls zum Thema und Check-in

  • Begrüßung und kurzer Impuls – z.B. Videoclip, historische Aufnahmen aus dem Stadtteil, Fotorätsel …
  • Check-in-Runde: Weil es uns wichtig ist, dass jede Person (wenn sie möchte) zu Beginn mit Ihrer Stimme im Raum erscheint, wird dazu eingeladen, etwas zu der Frage „Wer bin ich und was führt mich her?“ zu sagen.

2. Miteinander warm werden: Dialogcafé

  • Die Menschen werden gebeten, zu dritt oder zu viert an kleinen Tischen Platz zu nehmen. Dort finden sie jeweils eine Frage vor (z.B. Wofür bist du dankbar in deinem Leben? Was ist dein Lieblingsort hier im Viertel?)
  • Jede:r spricht reihum zur Frage und – die Gruppe tritt in Austausch miteinander
  • Nach ca. 15 Minuten klingt setzt Kaffeehaus-Musik ein – als Signal zum Ende zu kommen, aufzustehen und einen neuen Platz einzunehmen: neuer Tisch, neue Frage, neue Gesprächspartner:innen. Meist gibt es drei dieser Runden

3. Austausch in der großen Runde: Kreisdialog

  • Eine Frage, z.B. „Wie geht es dir mit dem Miteinander hier im Stadtteil?, liegt in der Mitte und die Teilnehmer:innen sind eingeladen, dazu ins Gespräch zu kommen
  • Mithilfe von Dialogregeln, einem Redegegenstand sowie duch Führung/Begleitung aus einer bewussten dialogischen Haltung heraus werden die Teilnehmenden dazu angeregt, sich im Zuhören üben – und es wird immer mal wieder daran erinnert, beim Sprechen bei sich bleiben, Bewertungen zu unterlassen und darauf zu verzichten, den Anwesenden „die Welt zu erklären“.
  • Am Ende geht der Redegegenstand nochmal reihum, und die Teilnehmenden bekommen Gelegenheit zu einem persönlichen Schlusswort.

Was machte den Rahmen dieses Projektes aus?

Dazusetzen – Mitreden ist eine Kooperation zwischen der HALLIANZ für Vielfalt, der Stadt Halle und mir als Konzeptentwickler und Moderator. Den Partnern und mir war es wichtig, nicht nach Art einer „Demokratierettungsbrigade“ (O-Ton aus einem Social-Media-Kommentar) zu agieren, sondern von Anfang an den Schulterschluss mit den Akteuren in den Stadtteilen zu suchen, deren Themen und Herausforderungen aufzugreifen und gemeinsam maßgeschneiderte Vorgehensweisen zu entwickeln. Partner waren Nachbarschaftstreffs, Bauspielplätze, Stadtteilzentren, Migrant:innentreffs, Bibliotheken und Kirchengemeinden. Mit beteiligt waren auch der Verein Jedermensch e.V. sowie die Organisation DaMigra.

Um alle Beteiligten mit an Bord zu holen und im engen Austausch zu bleiben, fanden Informationsverantaltungen statt, und es gab über ein Dutzend individuelle Vorgespräche zwischen Gastgeber:in und mir jeweils vor Ort. Auswertungstreffen trugen u.a. dazu bei, die Erfahrungen und Wünsche der Kooperationspartner:innen in die Konzeption der Dazusetzen-Mitreden-Reihe im kommenden Jahr einfließen zu lassen.

Zusätzlich zu den hier beschriebenen Dialogen fanden im Rahmen von Dazusetzen-Mitreden noch zwei Veranstaltungen in einem anderen Format statt: Die Living Library von Jedermensch e.V. Hier fungieren Menschen als „human books“, die in einem geschützten Rahmen in 20–30-minütigen Gesprächen in Kleingruppen von ihren Erfahrungen mit z.B. Diskriminierung, Flucht oder Identität berichten und von den Teilnehmenden „ausgeliehen“ und befragt werden. Durch diese persönlichen Begegnungen entsteht ein sicherer Raum für Austausch, Perspektivwechsel und Reflexion eigener Vorurteile, mit dem Ziel, für Diskriminierung zu sensibilisieren und demokratische, empathische Haltungen zu stärken.

Zum Rahmen gehörte auch die Bewirtung der Teilnehmenden mit Kaffee, Tee, Kuchen, Snacks usw. – manchmal wurde im Anschluss auch gegrillt, Pizza gebacken oder Suppe über einem Feuer angerichtet. Die Einrichtungen erhielten dafür ein Budget, das sie für Einkäufe, Saalmiete o.ä. verwenden konnten.

Die Finanzierung dieser und anderer notwendiger Kosten im Rahmen des Projektes ermöglichten die Stiftung Zukunftswege Ost, die HALLIANZ für Vielfalt, das Bundesprogramm „Demokratie leben“sowie das Sachsen-Anhaltinische Landesprogramm #WirsinddasLand.

Zahlen, Daten, Fakten? Bittesehr!

Die Dialogreihe begann am 7. August 2025 im Bürgerpark des Freiimfelde e.V. und endete mit einer Living Library in der halleschen Stadtbibliothek am 5. November 2025.

Es fanden 15 Dialoge statt – bei 14 Gastgebern in 7 Stadtteilen von Halle.

Insgesamt nahmen 225 Hallenser:innen daran teil.

Themen waren z.B. „Kennst du Einsamkeit?“, „Zusammenleben im Johannesviertel“ oder „Wie geht es dir mit der Klimakrise?“

Wenn du neugierig bist auf die anderen Themen oder Einzelheiten zu Dialogen in den halleschen Stadtteilen, schau dir die Dazusetzen-Mitreden-Präsentation an:

Wie geht es im nächsten Jahr weiter?

Wir planen Dazusetzen-Mitreden „2.0“ im kommenden Jahr mit folgenden Neuerungen, welche sich aus den Erfahrungen und Learnings in 2025 ergeben haben:

  • Der Kreis der Moderator:innen soll sich vergrößern – deshalb ist im Frühjahr 2026 eine Fortbildung in Dialogbegleitung für interessierte Menschen geplant. (Schreib mir bei Interesse gern eine Mail!)
  • Der weiter oben beschriebene dreiteilige Ablauf der Dialogveranstaltungen wird im Prinzip beibehalten – ggf. aber variantenreicher und flexibler gestaltet. 
  • Hinzu kommt künftig ein vierter Teil namens „Informeller Austausch“, wo es darum geht, bei Essen, Trinken und Gesprächen frei von vorgegebener Struktur die Veranstaltung ausklingen zu lassen.
  • Ausgehend von der häufig gestellten Frage „Wie soll es nun (nach dem Dialog) weitergehen?“ habe ich ein Format nach Art von Zukunftswerkstatt konzipiert und auch schon erprobt. Das könnte sich an die Bürger:innendialoge anschließen, um auf Basis gelungener Verständigung und Annährung Ideen für ein besseres Miteinander im Stadtteil zu entwickeln, konkrete Ziele aufzustellen und die entsprechenden Vorhaben dann gemeinsam zu planen und umzusetzen.

Was mir zum Schluss noch wichtig ist

Ein Jahr mit Dazusetzen-Mitreden liegt nun hinter uns – was für ein Ritt! Ohne Frage war es bisher eine Erfolgsgeschichte, und ich bin gespannt, wie sie sich weiterentwickelt.

Aber ich möchte nicht unterschlagen, dass bei allem Erfolg auch nicht immer alles glattlief: Nicht immer fanden Teilnehmer:innen den Zugang zu jener dialogischen Qualität, die uns wichtig ist. Schließlich sind wir in dem Moment, wo es uns gelingt, Menschen aus verschiedenen Bubbles zusammenzubringen, auch gefordert, uns immer mal wieder mit Phänomenen wie Mansplaining, polarisierender Stimmungsmache und Alltagsrassismus  auseinandersetzen. Ich werde diese Thematik in künftigen Artikeln gern nochmal aufgreifen – auch weil darin tiefgreifende Lernerfahrungen für mich lagen.

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

Foto: André Gödecke

Foto: Stephan Retzlaff

Foto: Jedermensch e.V. Halle

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

Foto: Freiwilligen-Agentur Halle (Saale)

 

Titelfoto: Stephan Retzlaff